Der Leprechaun

Tourism Ireland Germany hat ein buntes Autoren-Quartett – Adrienne Friedlaender, Bernadette Olderdissen, Stefan Nink und mich – mit dem Schreiben einer Erzählung über den Irland-Roadtrip des erfundenen deutschen Pärchens Marie und Moritz beauftragt. Zwölf Episoden lang sind beide auf der grünen Insel unterwegs, jeder Autor schreibt abwechselnd eine Episode, untereinander abstimmen dürfen wir uns nicht. Alle machen jeweils dort weiter, wo der Vorgänger / die Vorgängerin aufgehört hat. Episode 9 aus meiner Tastatur ging soeben online, den Link finden Sie am Ende dieses Blogposts. Hier eine Urspungsvariante aus dem Entstehungsprozess dieser Episode 9 – fast ganz andere Geschichte, aber dieselben Protagonisten:

 

Heartland, sagte Moritz, nachdem sie eine Viertelstunde geschwiegen hatten.

I beg you wie bitte?, antwortete Marie, die ihrem Irland-Modus während des bisherigen Roadtrips die Eigenschaft hinzugefügt hatte, englische Wortfetzen in ihre deutschen Sätze einzubauen. Oder umgekehrt.

Heartland, wiederholte Moritz, „wir fahren gerade durch das Herz der Insel, da drüben irgendwo müsste der Hügel von Tara liegen, wo sich früher die irischen Hochkönige einmal im Jahr zu ihren Zusammenkünften getroffen haben. Hier hat alles mit Irland und seiner Geschichte begonnen“.

Sollen wir?, fragte er und deutete mit dem Daumen aus dem Autofenster hinaus, in das endlose Grün der Landschaft neben der Autobahn.

Marie gefiel die Idee eines kleinen Sidesteps auf ihrer Fahrt an die Ostküste.

Zeit ohne Ende, sagte sie, also just go ahead!

Und Moritz dirigierte den Volvo bei der nächsten Abfahrt in das verschlungene Gewirr der Landstraßen des County Meath hinein, das genau jenes Bild der Insel malt, wie es sich in unseren mitteleuropäischen Köpfen festgezurrt hat. Pralle Wiesen, fett über fruchtbarem Torf liegend. Schwarz gefleckte Kühe, die mit Schafen um die Wette grasen. Schmale Straßen mit meterhohen Hecken. Verspielte Kurven mit aberwitzigen Radien, die alles verspotten, was nach Verkehrssicherheit aussehen könnte. Baumkronen, die sich über der Straßenmitte küssen. Schweigsame Flüsse, noch stillere Ufer. Eine nach Freundlichkeit und zärtlicher Schwere duftende Landschaft.

Mitten in diesem Nirgendwo, Moritz und Marie hatten sich längst verfranst, plötzlich ein ruraler Kreisverkehr.

Nicht weniger als neun schmale Straßen mündeten in ihn und verließen ihn wieder. In der Mitte neun untereinander an einen Pfosten genagelte Holzpfeile, die nicht nur in alle Himmelsrichtungen zeigten sondern auch auf alles, was dazwischen lag. Kein Hinweis auf Tara. Moritz parkte den Volvo am Straßenrand, schlurfte zum Wegweiser und kratzte sich am Kopf. Er versuchte, einen der Dorfnamen auf seiner Straßenkarte zu finden. Zwecklos. Auch Marie war ratlos.

In diesem Augenblick schlingerte ein alter Wagen, der aussah wie eine große Rostbeule, in halsbrecherischem Tempo auf einer der neun Straßen heran. Er quietschte in den Kreisverkehr herein, bremste abrupt, und kam knapp hinter dem Volvo zum Stillstand.

Heraus stieg: ein Männchen, gegen welches das alte Auto sich in einem Traumzustand zu befinden schien. Zerschlissene Kleidung, Rauschebart. Klobige, verdreckte Schuhe, in denen ein Hinken steckte, das nicht von dieser Welt war. Ein schwerer Rucksack, so vollgepfropft, dass er wie eine Kugel am Rücken des kleinen alten Mannes hing und ihn in eine seltsam aufrechte, nach hinten gebogene Körperhaltung zwang. Eine speckige, zur verfilzten Jacke passende Kappe vervollständigte das zerrüttete Bild, das der Alte abgab, als er auf Marie und Moritz zustapfte. Die Rostlaube nahm genauso quietschend Fahrt auf, wie sie gebremst hatte, und verschwand in einer der neun Straßen.

Ein Leprechaun, flüsterte Marie entgeistert, schnappte sich mit beiden Händen Moritz´ Oberarm und verschwand zur Sicherheit halb hinter ihrem Verlobten.

Aber Leprechauns spielen den Menschen Streiche, während dieser steinalte Ire nichts dergleichen im Sinn hatte. In einem altmodischen Englisch, dessen Färbung herzzerreißend war und es fast unverständlich machte, bat er lediglich um eine Mitfahrgelegeneheit:

Where art thou going?

Tara, flüsterten Marie und Moritz wie aus einem Mund – erschrocken, dass der Leprechaun reden konnte, und gefesselt von der antiken Sprechweise.

This way, sagte der Alte, hob seinen Arm und ließ die aufgestellte flache Hand vom Ellbogen abwärts nach irgendwohin fallen.

Glauben Sie, dass Sie das genauer erklären könnten?, fragte Moritz vorsichtig.

Sorry, sagte der Leprechaun mit seiner pfeifenden, zerbrechlichen Stimme:

Wouldst thou be so gentle and takest me with you so I might well show you the way?

Marie, die in ihrer Funktion als MoMa-Cheforganisatorin inzwischen hinter Moritz´ Rücken den Weg auf der Straßenkarte gefunden hatte, puffte ihn mit ihrer Faust permanent zwischen die Schulterblätter und zischte in sein Ohr:

Nix da, nix da!

Moritz allerdings hatte schon genickt, als Marie noch auf die Karte gestarrt hatte, und der kleine alte Mann befand sich bereits, schwer hinkend, auf dem Weg zum Volvo. Umstandlos rollte er den Rucksack in den Fond, stieg ein und machte es sich auf der Rückbank bequem.

Marie zuckte die Achseln und Moritz grinste wie vor zwei Monaten, als sie bei ihrer Ankunft von dem sommersprossigen Iren den Volvo ausgefasst hatten. Im Wagen erzählte ihnen der Leprechaun dann, dass er nach Dublin wollte.

But you can drop me there later, sagte er, und vom alten Englisch war keine Spur mehr vorhanden.

Er stellte sich als Declan vor, 95 Jahre alt und frisch aus Amerika angereist, leider in Shannon statt in Dublin gelandet, weil das Geld nicht gereicht hatte, und nun per Autostopp unterwegs. Er würde, erklärte Declan, zuerst Moritz und Marie auf den Hügel von Tara begleiten, den er noch aus seiner Kindheit kenne, ihnen die Bedeutung dieses Ortes erklären und auch ein schönes Plätzchen auf einem Friedhof zeigen. Danach sollten sie ihn zunächst nach Maynooth chauffieren, wo er ans Ufer des Flusses Rye gebracht werden wolle, an einen Platz namens „Shell Cottage“. Dort, so erklärte der alte Mann, würden ihm wohlgesinnte Kobolde hausen, freundliche Leprechauns, an die er eine Bitte zu richten habe. Danach könne man ihn nach Dublin transportieren.

I don´t want to visit graveyards und leprechauns´ homes schon gar nicht, kreischte Marie, der beim Gedanken fröstelte, von dem alten Kauz zuerst über ein Gräberfeld und dann mitten in eine Leprechaun-Siedlung hinein gelotst zu werden.

Der Greis lächelte nur.

Als sie später oben am Hügel von Tara unter dem Schatten eines Baumes am kleinen, tatsächlich sehr schönen Friedhof standen, der das Kirchlein Saint Patrick´s Church umgibt, erzählte Declan seine Geschichte.

Es war die Geschichte vieler junger Iren aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, als die Insel in Armut erstarrt war: Der Vater bei der Schlacht um Gallipoli gefallen, die Mutter arm, überfordert und ohne Chance auf eine Zukunft. Sie beschloss, alles Geld zusammenzukratzen und, wie so viele andere Mütter von Kindern ohne Väter, auszuwandern. Nach Amerika natürlich.

Und so war Declan als kleiner Junge dann an der Hand seiner Mutter an Deck eines Schiffes gestanden, das wie eine moderne Version der alten Coffin Ships zu sein schien, auf denen Hunderttausende irische Auswanderer zur Zeit des Famine, der großen Hungersnot, über den Atlantik nach Amerika aufgebrochen waren. Wie einst sie, hatte auch Declan aufs Meer hinaus in den Horizont gestarrt. Zuerst in jenen, hinter dem seine Heimatstadt Dublin verschwand, nachdem sie die Fähre nach Liverpool bestiegen hatten. Und danach auf den Horizont weit draußen im Westen, auf den das nächste Schiff sich zu bewegte, Ziel Amerika. Er hatte sich gezwungen, den Beteuerungen der Mutter zu glauben, dass dort alles besser werden würde.

Doch seine Mutter war bald nach ihrer Ankunft in New York an irgend einer Krankheit gestorben, der kleine Declan hatte sein Leben in der neuen Welt allein leben müssen. Kein gutes Leben, es gab wenig Geld, viel Arbeit, viel Demütigung, Sorgen, und unzählige Male hatte er am Morgen nicht gewusst, was er am Abend essen sollte. Das Versprechen vom amerikanischen Traum hatte sich für Declan nie erfüllt. Ein paar gute Jahre hatte es gegeben, er hatte geheiratet und eine Tochter gezeugt, fast ein Jahrzehnt war er trotz bitterer Armut beinahe glücklich gewesen. Dann war seine amerikanische Frau gestorben, genau wie 20 Jahre zuvor die Mutter. Declan hatte sein Kind, das er alleine nie und nimmer durchbringen hätte können, auf einem weiteren Schiff abgeladen, das in die umgekehrte Richtung fuhr, nach Europa, wo sich eine wohlhabende irische Familie bereit erklärt hatte, die Kleine aufzunehmen.

Róisín, flüsterte Declan, und kramte aus einer Jackentasche das zerschlissene Bild eines kleinen Mädchens hervor, das er Marie zeigte.

Marie kämpfte während dieser Erzählung mit den Tränen. Als Declan noch hinzufügte, während er das vergilbte Schwarzweißbild mit zittriger Zärtlichkeit zurück in seine Jacke steckte, dass er seine Tochter seit damals weder wiedergesehen noch etwas von ihr gehört hatte, brach Marie in Schluchzen aus. In dieses hinein erklärte Declan, dass er aber jetzt, gegen Ende seines Lebens, zurück nach Irland gekommen sei, um seine gut sechs Jahrzehnte verschollene Tochter wiederzufinden. Von den Leprechauns bei Shell Cottage, die er als Kind einst besucht hatte, erhoffe er sich Hilfe und Inspiration.

Für MoMa war nun klar: Sie würden diesen alten Mann, den das Leben so gebeutelt hatte, fahren, wohin immer er gefahren werden wollte, wenn nötig zehnmal um die Insel Irland herum. Sie würden ihm bei seiner Suche nach Róisín helfen.

Doch viel war dazu gar nicht nötig, denn inzwischen gab es etwas, von dem der greise Declan zwar peripher gehört hatte, das er jedoch nie für interessant genug befunden hatte, sich damit auseinanderzusetzen: Es gab das Internet.

Und es war erstaunlich, wie leicht alles ging: Mit dem Handy das alte Bild einscannen, auf eine Plattform hochladen und diese dann mit Hilfe der Bildsuchfunktion diverser Suchmaschinen ein wenig durchs Netz radieren lassen. Marie hatte auf die Uhr gesehen – es hatte sie exakt 37 Minuten Recherche gekostet herauszufinden, was der alte Declan in seinem ganzen restlichen Leben nie und nimmer herausgefunden hätte:

Róisín, die inzwischen Rose McGreevy hieß, war verheiratet, 70 Jahre alt, hatte zwei Söhne und zwei Enkelkinder und lebte mit ihrem Mann, einem pensionierten Angestellten der Dubliner Stadtverwaltung, in einem schmucken Haus in der Church Street in Howth.

Als Marie Declan auf ihrem Handy ein Familienfoto zeigte, auf dem er nicht nur seine alt gewordene Tochter sah, sondern auch seinen unbekannten Schwiegersohn, seine beiden Enkel mit deren Frauen und seine zwei Urenkel, atmete er einmal tief durch und krallte sich am Rucksack neben ihm fest. Dann räusperte er sich, wischte eine gewaltige Träne aus dem rechten Augenwinkel, straffte den Körper, hob den Kopf, und sagte zu Moritz nur:

Howth. Let´s go!

Und da saßen sie nun alle drei auf einer Bank an der Kaimauer von Howth, Marie in der Mitte, links von ihr Moritz und rechts Declan, und blinzelten auf die Irische See hinaus, hinüber zum Inselchen Ireland´s Eye. Allen drei stand mit etwas Glück Gutes bevor. Moritz die Ehe, dem alten Mann womöglich nach einem unendlichen, traurigen Leben in der Fremde ein Wiedersehen mit seiner vermissten Tochter in der alten Heimat. Und Marie hatte immer noch drei Wochen lang die Chance, den Fischreiher Bertie zu finden.

Declan dachte an Róisín und was er in einer Stunde wohl sagen würde, wenn er an die Tür dieses Hauses in der Church Street klopfte. Moritz dachte an die Gesichter seiner Eltern, wenn er beim ersten Besuch nach der geheimen Hochzeit Marie als „meine Ehefrau“ neu vorstellen würde. Und Marie dachte an Bertie, wie er vielleicht in diesem Moment seine Kreise über der Galway Bay zog und auf die drei Aran Islands blickte, so wie sie gerade zu Ireland´s Eye hinüber sah.

I´m touched by the rivers hier, und geküsst by the sea, flüsterte Marie.

Ich werde bald heiraten, flüsterte Moritz.

I will be home, flüsterte der Leprechaun und fügte nach einer kurzen Pause ein heiseres finally hinzu. Dann stand Declan wortlos auf, wuchtete seine Rucksackkugel mit 95 Jahren Leben darin auf die Schultern, und hinkte los. Richtung Church Street.

 

Und hier der Link zur schließlich veröffentlichten Episode 9. Episode 10, aus der Tastatur von Stefan Nink, folgt am kommenden Freitag.

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