Von solchem Stoff sind wir

Im vergangenen Sommer schrieb ich im Auftrag von Tourism Ireland Germany mit drei weiteren Autoren an einer 12-Episoden-Geschichte über das fiktive deutsche Pärchen Marie und Moritz, das sich auf einem Roadtrip durch Irland befand. Sie können die gesamte Erzählung hier lesen. In Episode 9 („Wiedersehen in Enniskilen“), eine aus meiner Tastatur, begegneten die beiden dem steinalten Iren Declan, der sich auf der Suche nach seiner verschollenen Tochter befand. Ob er sie tatsächlich gefunden hat, blieb im Dunkeln. Es gab jedoch ein paar Blogleser und Innen, die nachfragten, was denn nun passiert sei, nachdem Declan Marie und Moritz in Enniskillen verlassen hatte. Auch M von Tourism ireland, die mich über ein zerknülltes Tränchen der Rührung beim Lesen der Epsiode informierte, gab zu erkennen, dass sie das weitere Schicksal des alten Iren durchaus interessieren würde. Ich habe also eine neue Episode geschrieben, diese hier, in der wir erfahren, wie die Geschichte von Declan und seiner Tochter Rose – oder Róisín, wie man auf Irisch sagt – nun ausgegangen ist. Die Episode heißt „Von solchem Stoff sind wir“. Also:

Manchmal bedeckt das Wetter Irland mit einem Himmel, so pittoresk, dass alle Künstler dieser Welt ihn nicht bewundernswerter malen könnten.

An diesem einen Tag des Begräbnisses hingen über Tara jedenfalls Wolkenformationen in den abenteuerlichsten Konstellationen, manche beinahe weiß und weich, andere hingegen fast schon schwarz und bedrohlich. Wilde Gewittertürme bekämpften einander, verschmolzen und trennten sich wieder mit dem Wind, ein paar hundert Meter weiter jagten Watteflocken sich gegenseitig den Horizont entlang. Über Dublin im Osten ging ein Unwetter nieder, während draußen im Westen ein schmaler, hellgrauer Streifen kommendes Schönwetter ankündigte. Drüben über dem Hügel von Skryne, nur wenige Kilometer entfernt, regnete es, während über dem Hügel von Tara ein kleiner Flecken blauer Himmel durch ein Loch in den Wolkenformationen blinzelte.

Durch dieses Loch beleuchteten versprengte Sonnenstrahlen die Hügelspitze und die gut tausend Jahre alten, unter Grashügeln versunkenen Wehr- und Grabanlagen von Tara mit sparsamem, aber strahlendem Licht. Sie ließen das lange Gras leuchten als wäre es selbst eine grüne Lichtquelle, die von innen und unten Energie erhielt. Kein Tropfen Regen war an diesem Tag über Tara gefallen, während es rundherum geschüttet hatte, der Boden zwischen den Gräbern am kleinen Friedhof rund um die winzige St. Patricks Kirche im Rücken der archäologischen Stätte war trocken. Kein Schmutz, keine feuchte Erde, kein verrottendes Blattwerk hatte die Schuhe der Trauergesellschaft verunstaltet.

Die Zeremonie war bereits vorbei, der alte Mann war begraben und verabschiedet, und nun standen die dreißg, vierzig Menschen vor dem Kirchlein in kleinen Gruppen zusammen und unterhielten sich, die meisten mit einem Glas Guinness in der Hand, einige tranken auch Whiskey. Sie lachten, waren guter Laune und hörten den vier Musikern zu, die eine instrumentale Version von „Thousands are sailing“ zum besten gaben, drei-, viermal hintereinander. Manche der Trauernden, die so gar keinen traurigen Eindruck hinterließen, summten leise dazu, und von den Lippen einiger der Männer konnte man den Text ablesen, den sie innerlich mitsangen:

Thousands are sailing

across the western ocean,

where a hand of opportunity

draws tickets in a lottery …

Am Grab selbst stand nur mehr das deutsche Paar, das etwas zu spät zur Zeremonie erschienen war, sich eilig den Weg auf den Hügel hoch gekämpft hatte und dann ein wenig atemlos im Hintergrund geblieben war, still, zurückhaltend, zusammengeschrumpft beinahe, als wollten die beiden nur ja nicht auffallen und erst recht nicht den Eindruck erwecken, zur Trauergesellschaft zu gehören.

Jetzt starrten sie auf den schlichten, grauen Granit mit dem Steinkreuz an seiner Spitze, den letzten Begleiter eines Mannes, der weit gereist war, zweimal sogar, und der einiges erlebt hatte. Die Frau las ihrem Mann leise den Zweizeiler vor, den die Nachkommen des Verstorbenen in den Stein kerben hatten lassen:

„We are such stuff as dreams are made on“, sagte sie mit brüchiger Stimme, „and our little life is rounded with a sleep“.

„Shakespeare“, murmelte der Mann tonlos.

Dann betracheten beide schweigend für lange Zeit den kurzen Satz mit dem Namen und den seltsamen Datumsangaben, der unter dem Zitat des berühmten englischen Schriftstellers stand:

Here lies

Declan Mulcahy

Arrived in the year 1915 AD

gone in the year 1924 AD

re-arrived in the year 2020 AD

and finally gone in the year 2021 AD

Eine Frau in ihren Siebzigern näherte sich von der Kirche her. Sie blieb im Rücken des Paares stehen und wartete, als wolle sie die stille Besinnung der beiden nicht stören. Als die Frau vor dem Grabstein aufschniefte und der Mann ihr einen Arm um die Schulter legte, sagte sie von hinten:

„No need to feel sad, this is where Dad wanted to be for the rest of his personal eternity, and well, here he is now, so he´s probably fine.“

Als die zwei sich umdrehten, deutete sie ein Nicken über die Schulter nach hinten zur Kirche und zum Trauergrüppchen mit den Musikern an:

„Besides, this is the song he wanted being played at his funeral, and after all, despite all the sadness in its words, it is a song about happiness, just listen to the melody.“

„Come and join us, you are part of us“, forderte sie das Paar auf.

„And a significant part indeed“, fügte Rose McGreevy noch leise an und lächelte ein sehr spezielles Lächeln.

Die beiden Deutschen sahen sich an und verstanden kein Wort.

„I´ll explain“, sagte Rose und hatte sich bereits umgedreht, bereit, wieder zum Kirchlein zurück zu stapfen.

Als Declan über zwei Brücken marschiert war, nachdem er Marie und Moritz auf ihrem Urlauber-Hausboot verlassen hatte, nahm er sich eine kleine Auszeit von seinem anstrengeden Fußweg. Er ließ den monströsen Rucksack von seinem Rücken nach hinten auf den Asphalt des Gehweges fallen und setzte sich auf die prall gefüllte Kugel.

Declan war zum ersten Mal seit langer, langer Zeit nervös. So vieles hatte er schon erlebt, kaum mehr etwas konnte den Greis nach seinem beschwerlichen, ereignisreichen Leben aus der Ruhe bringen. Er dachte an das New Yorker Grab seiner schon viele Jahrzehnte toten amerikanischen Frau. Dann überlegte er, wie das sein würde, wenn er jetzt bald an die Türe dieses Hauses klopfen würde, in dem nach allem was er wusste seine verschollene Tochter wohnte. Langsam, ganz langsam und sorgfältig legte er sich seine Sätze zurecht. Womöglich würden sie es sein, vermutete Declan, die darüber entschieden, ob er willkommen sein würde oder nicht. Ob seine Tochter ihn als Eindringling in ihr Leben hier in Europa sehen würde, das mit den zehn Jahren ihrer frühen Kindheit in Amerika so gar nichts mehr zu tun hatte, oder ob er für sie der unerwartet wiedergefundene Vater sein würde, dessen Verlust sie sechzig Jahre lang nachgetrauert hatte.

Declans alte Beine, denen er sein ganzes bisheriges Lebensjahrhundert über bedingungslos vertrauen hatte können, spielten ihm nun Streiche, als er die wenigen Stufen der Vortreppe zur Haustüre seiner Tochter hinauf stieg. Er musste sich am Treppengeländer festhalten, erst dann drückte er auf den Klingelknopf. Ein alter, wenngleich viel jüngerer Mann als Declan es war, öffnete, sein unbekannter Schwiegersohn, und mit zittriger Stimmer fragte der steinalte Ire nach Rose McGreevy. Anthony McGreevy, der wohl allen Grund gehabt hätte, das Auftauchen dieses zerknitterten Iren mit seinem riesigen, unförmigen Rucksack beunruhigend zu finden, war davon weit entfernt. Aus irgendeinem Grund fühlte er eine beruhigende Verbundenheit mit dem überraschenden Besuch, der da auf seiner Vortreppe stand und seine Frau zu sprechen wünschte. Er bat Declan ins Haus und hatte seine liebe Mühe, den tonnenschweren Rucksack hinter ihm in den Vorraum zu transportieren. Anthony rief ins Haus hinein nach Rose, die im Wohnzimmer mit einem komplizierten medizinischen Gerät hantierte.

Als Rose McGreevy dann um die Ecke zum Vorzimmer bog, verließen Declan alle eingeübten Begrüßungssätze.

„It´s me“, brachte er nur noch heraus und stand da wie festgeschraubt, als befände er sich gerade an einem völlig falschen Platz im Leben und wäre aber doch auch irgendwie genau richtig.

Rose sagte kein Wort, aber sie erkannte sofort, wer da vor ihr stand. Die lange Fahrt nach Europa vor sechzig Jahren, alleine, von der Mutter verlassen und vom Vater aufgegeben, hatte sie robust gemacht. Aus ihr war keine Frau geworden, die man leicht aus der Fassung bringen konnte. Doch sie war auch keine Frau, die Gefühle in ein Hinterzimmer ihres Denkens weggesperrt hatte, das niemand mehr betreten durfte. Allerdings hatte sie sehr wohl gelernt, nur wenige davon anderen Menschen zugänglich zu machen. Bloß eine einzige Träne wischte Rose sich daher aus ihrem rechten Auge, nachdem sie tief Luft geholt hatte, dann erledigte sie die zwei, drei Schritte Distanz zwischen ihr und dem verschollenen Vater mit einem energischen Antritt, umarmte Declan, presste ihn mit der Kraft eines halben verlorenen Jahrhunderts an sich, und sagte nur:

„Welcome home, Daddy!“

Declan hatte schnell erkannt, dass er ein trauriges Haus betreten hatte, als er zuerst im Vorraum und danach im Wohnzimmer seiner Tochter stand. Wie eine diffuse Wolke, eine stumme, aber umso präsentere Klagsmelodie, hing etwas Bedrückendes in der Luft. Das Haus war freundlich eingerichtet, beinahe unirisch luftig, wie Declan empfand, der die finsteren Cottages der Zwischenkriegszeit gewohnt war, in der die Bewohner des armen Irlands damals, als er klein war, ihr Dasein fristeten. Doch die warme, moderne und helle Einrichtung konnte die Schwere der Stimmung im Haus seiner Tochter, die wie ein drohender Berghang alles überdachte, nicht wettmachen.

Als Declan hinter Rose die Treppe in den ersten Stock hinauf stieg, wo sie ihm die Familie eines seiner beiden Enkel vorstellen wollte, die dort wohnte, wusste Declan mit einem Mal, dass nun etwas Unangenehmes, Düsteres, Belastendes auf ihn wartete. Trotzdem war da auch, er konnte sich das nicht erklären, irgend etwas, das ihm Zuvesicht gab. Ganz so, als sähe er zum ersten Mal in seinem alles andere als leichten Leben eine Aufgabe auf sich zukommen, die ihm nicht übermächtig schien, sondern von der er zuversichtlich war, dass er sie auch bewältigen konnte.

Wie sich herausstellte, hieß diese Aufgabe Niamh.

Sie war die Tochter von Roses Sohn Liam, Declans Enkelsohn. Seine Urenkelin Niamh also. Niamh war vor einem halben Jahr an Leukämie erkrankt, und es sah schlecht aus. In sämtlichen weltweiten Datenbanken hatte sich kein geeigneter Knochenmarkspender gefunden. Und auch innerhalb Niamhs Familie gab es keinen einzigen Verwandten, dessen Knochenmark geeignet war, Niamhs außer Rand und Band geratenen weißen Blutkörperchen wieder den rettenden Stoß in die richtige Richtung zu geben. Die größte Chance sei damit dahin gegangen, hatten die Ärzte gesagt, nachdem alle Verwandten getestet worden waren. Denn üblicherweise gebe es Hoffnung, wenn überhaupt, nur im engeren Familienkreis. Doch niemand, nicht Rose, nicht ihr Mann Anthony, nicht deren beide Söhne oder deren Frauen, nicht Niamhs Bruder Patrick – keiner hatte sich als passender Spender erwiesen. Und mehr nahe Verwandte, deren Blut das Krankenhaus in Belfast testen hätte können, gab es nicht.

Die Sache war abgeschlossen, Niamh würde sterben müssen. Und alle, das kleine kranke Mädchen inkludiert, hatten sich bereits darauf eingestellt. Zwei, drei Monate gaben die Ärzte ihr noch, die sie aber immerhin zu Hause in Enniskillen verbringen konnte, weil es keine neuen, weiteren Behandlungsmöglichkeiten mehr für sie gab.

Declan hatte seine Urenkelin gesehen und von dieser Sekunde an geliebt, wie sie da in ihrem riesigen Sessel saß, klein und ein wenig verloren, in warme Decken gehüllt, blass, eine Sauerstoffflasche neben sich und ungläubiges Staunen in den Augen, weil da mit einem Mal ihr Urgroßvater vor ihr stand, von dem sie nur peripher gehört hatte und der ihr wie ein verzauberter Waldschrat aus einer fremden Welt erschien. Doch wie Declan zu ihr, so hatte auch Niamh sofort einen Bezug und eine Verbindung zu dem für sie neuen, fremden Menschen gefühlt.

Es war Declan, der darauf bestanden hatte, diesen ersten Abend seiner Anwesenheit in Enniskillen, der ausgefüllt war mit Geschichten, wie es ihm ergangen war und wie es Rose ergangen war, nicht unten im bequemen Wohnzimmer, sondern oben in Niamhs Zimmer zu verbringen, weil er wollte, dass sie daran teilhaben konnte. Eigentlich, so hatte sich Declan dann Tage später eingestanden, als er in Belfast im Krankenhaus lag, hatte er wohl hauptsächlich für Niamh erzählt. Das kleine Mädchen, das genau in dem Alter war, in dem er Rose damals auf das Schiff nach Europa verfrachtet und danach bis zu diesem Tag nie wiedergesehen hatte, war für Declan wie seine eigene Tochter – und eben weil das Alter passte, hatte er das Gefühl, nun die Chance bekommen zu haben, dort weiterzumachen, wo er vor sechzig Jahren versagt hatte. Die wiedervereinigte Familie redete die halbe Nacht hindurch und nie davor oder danach hatte Declan sich mehr zu Hause gefühlt als an diesem Abend, als er seiner Tochter Rose gegenüber und neben seiner Urenkeltochter Niamh saß.

Am nächsten Tag war Declan fort. Rose fand in der Küche einen Zettel, auf dem in ungelenker Schrift stand:

„Am gone. Will be back in a few days. Don´t worry. One matter to be settled. Kiss Niamh for me.“

Declan hielt Wort und kam wenige Tage später zurück, nichts in der Welt hätte ihn davon abhalten können, wieder zu seiner Tochter und seiner neu gewonnenen Urenkelin zurückzukehren. Er war in Belfast gewesen, im Krankenhaus, und hatte sein Blut testen lassen. Es passte.

Declan war jener Knochenmarkspender, nach dem die Ärzte und Niamhs Familie monatelang so verzweifelt gesucht hatten. Niemand wusste zunächst, was davon zu halten war. Bis schließlich die Ärzte schweren Herzens davon abrieten, Declan Knochenmark aus der Hüfte zu entnehmen, eine schmerzhafte und unangeneheme sowie für den Organismus des Spenders durchaus belastende Prozedur. Einerseits, weil wegen Declans Greisenalter der Erfolg noch unsicherer war als bei Spendern in einem normalen Lebensalter, und andererseits, weil die Chancen nicht allzu gut standen, dass jemand diesen Eingriff überleben würde, der über hundert Jahre alt war. Die anfängliche Freude bei den McGreevys wich sofort neuer Verzagtheit.

Doch Declan war nicht als Neunjähriger nach New York ausgewandert, hatte sich dort nach dem Tod der Mutter nicht allein durchgeschlagen, hatte dann seine amerikanische Frau nicht begraben, seine Tochter um deren Zukunft Willen nicht aufgegeben und nicht ein insgesamt schwieriges Leben gelebt, um sich von Belfaster Ärzten vorschreiben zu lassen, was zu tun war und was nicht. Er hatte auf eine Art und Weise auf dieser Knochenmarkspende für seine Urenkelin bestanden, die selbst den Chefarzt der Klinik, an den der Fall herangetragen worden war, kapitulieren ließ.

Der Eingriff wurde vorgenommen. Und Declans Knochenmark ließ in Niamh tatsächlich und wider alle Voraussagen jene neue Kraft wachsen, die sie benötigte, um ihrerseits und selbständig wieder intakte weiße Blutkörperchen produzieren zu können. Erstmals seit ihrer Erkrankung ging es mit Niamh bergauf, und das rasch und sichtbar. Sie würde gesund werden.

Auch wenn nie jemand darüber sprach: Wenn Declan und Rose in den Wochen nach den beiden Eingriffen, bei Niamh und bei Declan, zusammensaßen und als Vater und Tochter versuchten, ein wenig von dem nachzuholen, was sie versäumt hatten, dann war ihnen etwas in stiller, unverabredeter Übereinkunft klar: Dass Declans Reise am Ende seines Lebens eine Mission war, die alles ins Lot bringen würde, was zuvor vom Schicksal verschoben worden war.

Declan konnte seiner Tochter das zurückgeben, was er ihr damals genommen hatte, als er sie auf dem Schiff nach Europa geschickt hatte, damit sie es dort besser haben würde: den Glauben ans Leben. Indem er Niamh rettete, rettete er auch das, was zwischen ihm und Rose einst da gewesen und dann verloren gegeben worden war. Und er hatte seine ihm davor unbekannte Aufgabe erfüllt, die er mit der Abreise als 104-jähriger Greis aus New York nach Irland angetreten hatte, um Rose wiederzufinden, und die eigentlich die Mission war, Niamh zu retten. Declan hatte den Kreis seines Lebens geschlossen.

Natürlich war dann in Bezug auf ihn tatsächlich alles genauso verlaufen, wie die Ärzte es prophezeiht hatten. Für Declan hatte es trotz der für sein biblisches Alter unglaublichen Robustheit keinerlei ernsthafte Chance gegeben, sich vom Eingriff wieder nachhaltig zu erholen. Er hatte viel Zeit im Spital verbracht, während der es ihm zusehends schlechter statt besser gegangen war. Schließlich, als die Ärzte die Hoffnung auf Gesundung aufgegeben hatten, hatte er nach Hause nach Enniskillen gedurft.

Rose hatte ihren Vater aus dem Gästezimmer in Niamhs Zimmer umquartiert, das immer noch für die Bewältigung einer Krankheit ausstaffiert und damit für Declans Betreuung besser geeignet war. Niamh, nun schon fast wieder genesen, war ins Gästezimmer übersiedelt. Aus dem Bett konnte Declan durch ein großes Fenster den Fluss Erne sehen. Und ab und zu, wenn wieder einmal eines der vielen Hausboote als kleiner weißer Punkt am Weg vom Upper in den Lower Lough Erne vorbei fuhr, dachte er an die beiden Deutschen, die ihn vor gut einem Jahr hierher nach Enniskillen mitgenommen hatten.

Rose hatte ihm erzählt, dass sie sich auf der Suche nach ihnen befand, was sich jedoch schwierig gestaltete, weil Declan außer den Namen und der spärlichen Information, dass die beiden sich kurz vor ihrem Treffen an den Lakes of Killarney verlobt hatten und die Frau sich auf einer seltsamen Suche nach einem Fischreiher namens Bertie befand, nichts von ihnen wusste.

Wenn Niamh ihren Urgroßvater in seinem Zimmer besuchen kam, was jeden Tag mehrmals der Fall war, erzählte Declan ihr zumeist von seinen beiden Reisen, von der nach New York vor beinahe hundert Jahren, und von jener im vergangenen Jahr aus New York zurück nach Irland. Die Kleine liebte die Stelle, an der Declan am Ufer des Shannon-Erne-Kanals stand, seinen Daumen nach oben hielt und darauf wartete, dass ein vorbei schwimmendes Urlauber-Boot ihn mitnehmen würde – Richtung Enniskillen, Richtung Familie, Richtung Niamh. Immer wieder ließ das Mädchen sich erzählen, wie es genau war, als dieses schon recht alte Boot, das hauptsächlich aus Holz bestand, während die modernen Leihschiffe alle aus Polyester waren, an Declan heranschwappte. Wie der sich über den eigenartigen Namen wunderte, „Saoirse-na-Mara-Weitblick“, und dabei beinahe vergaß, seinen Daumen, das Haltezeichen, weiter in die Luft zu strecken. Wie er dann an Bord gegangen war und mit dem deutschen Pärchen während der mehrtägigen Fahrt nach Enniskillen Freundschaft geschlossen hatte.

„They brought me closer to you, Niamh“, sagte Declan an dieser Stelle dann jeweils, nachdem er einen gigantischen Atemzug getan hatte, „to deliver life to you“.

„Go raibh maith agat“, antwortete Niamh immer, weil sie wusste, dass ihr Urgroßvater die alte irische Sprache lieber mochte als die moderne englische.

Und schließlich hatte Declan dann, als diese Unterhaltung zwischen Urgroßvater und Urenkelin soeben zum rund zwanzigsten Mal stattgefunden hatte, plötzlich nach Niamhs Hand gegriffen, hatte sie fest gedrückt, gequetscht beinahe, hatte ganz leise „slán abhaile“ geflüstert, und war gestorben.

Es war Niamhs Idee gewesen, auf Facebook nachzusehen, ob der von Declan mehrmals erwähnte Fischreiher namens Bertie womöglich über eine eigene Seite verfügen könnte, und so hatte Rose McGreevy das deutsche Paar dann doch noch gefunden. Denn Moritz und Marie waren als „MoMa“ Facebook-Freunde von Bertie. Wie sehr hätte sich ihr Vater gefreut, dachte Rose, als sie eine Nachricht von Declans Ableben an MoMa schrieb, hätte er noch erfahren, dass die beiden zu seiner Beerdigung kommen würden.

„Unglaublich“, sagte Moritz zu Marie, nachdem sie die lange Fahrt von Declans Beisetzung am Hill of Tara zurück nach Enniscrone hinter sich gebracht hatten, wo ihr Camper im Mobile-Home-Park in den Links neben dem Golfplatz stand, und als sie in ihrem Wohnmobil-Bett lagen und die im Halbdunkel der frischen Nacht an den Strand schwappenden Wellen der Killala Bay beobachteten.

Ganz hinten konnte Moritz im bleichen Lampenlicht des Mondes, das kein Ding blossstellt aber alle richtig einordnet, die Umrisse von Nephin Mountain erkennen. Er dachte daran, wie Rose McGreevy wenige Stunden zuvor Marie und ihm diese Geschichte von Declan, Niamh und dem Wiedersehen von Vater und Tochtr erzählt hatte. Nicht ohne anzufügen und zu betonen, dass sie es gewesen seien, Marie und Moritz, die das alles ermöglicht hatten, und dass ohne die Mitfahrgelegenheit, die sie Declan geboten hatten, Niamh womöglich nicht mehr am Leben wäre. Marie und Moritz, hatte Rose erklärt, würden deshalb von ihr als Freunde betrachtet, auch wenn man einander noch gar nicht kenne. So, wie ihr Vater Declan sie als Freunde betrachtet hatte, obwohl er sie ebenfalls nicht gut kannte. Die beiden seien in Enniskillen immer willkommen.

„Unglaublich“, wiederholte Moritz.

„Da lebt der alte Mann ein ganzes Leben alleine, dann findet er seine Tochter und mit ihr eine ganze neue Familie, und dann droht seine Urenkelin zu sterben und ausgerechnet er ist es, der sie mit seinen 104 Jahren retten kann, und das macht er auch, obwohl es seinen Tod bedeutet“.

Moritz streichelte Marie, gab ihr einen Kuss und legte seinen Kopf an ihre Wange.

„Wir sind eben alle von solchem Stoff“, flüsterte sie Moritz ins Ohr, „wie es auch Träume sind. Und unser kleines Leben beginnt und schließt mit einem Schlaf“.

„Shakespeare“, murmelte Moritz zum zweiten Mal an diesem Tag und schlief mit einem guten Gefühl tief drinnen im Bauch ein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s