Kling, Glöckchen

In meinem Kopf klingelt und bimmelt es wie wild, immer noch.

Kürzlich, mitten im Lockdownerl und noch vor dem großen, richtigen, harten Lockdown, ertappte ich mich sogar dabei, wie ich am Fahrrad bei einer roten Ampel anhielt und „Stille Nacht, Heilige Nacht“ sang. In der englischen Version. Anfang November. Da stellt sich schon die Frage: Bin ich noch ganz dicht? Ich fürchte fast: nicht.

Es ist ja so: Unsere Jobs machen was mit uns. Wir sind, was wir tun. Womit wir uns beschäftigen. Daher bin ich im Moment weihnachtsgeschädigt. Ja, im November bereits. An sich halte ich mich für einen Nonkonformisten, was diese kollektive Christkindlseligkeit und so weiter jedes Jahr angeht: Ich habe keine Familie, keine Familie hat mich, also wünscht mir auch niemand diesen ganzen Weihnachtszauber in mein Leben. Oder zwingt mich, Kekse zu essen, die ich nicht mag, und Lieder zu singen, die ich nicht will. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als Weihnachten mehr oder weniger auf mittlerer Höhe an meiner Rückseite vorbeiziehen zu lassen, wenn Sie wissen was ich meine. Natürlich könnten Sie mich jetzt, und das nicht einmal zu Unrecht, als Weihnachts-Einsamen bedauern. Naja, es ist halt, wie es ist. Das ist einerseits traurig, selbstverständlich, hat andererseits aber durchaus auch Vorteile. Ich kann am Heiligen Abend tun, was ich will, und lassen, was ich nicht will. Ich kann beschenken, wen ich will – aber ich muss nicht. Nicht einmal muss ich bei einlangenden Geschenken, die nur halb so passend sind, groß Freude heucheln, denn: Schenkt mir eh praktisch nie jemand was.

Pseudocooler Hund. Vortäuscher von Lässigkeit, wo in Wahrheit Verlassenheit wohnt, werden Sie jetzt einwerfen, liebe Blogleser und Innen.

Ich kann Sie beruhigen, denn es ist ohnehin so: Selbst ich beschäftige mich mit Weihnachten. Denn Weihnachten entkommst du nicht. Du kannst dich einfach nicht um das ganze Brimborium herum schwindeln. Auch wenn du noch so clever und gefinkelt die wendigsten, elegantesten und überraschendsten Ausweichmanöver hinlegst – Weihnachten kriegt dich.

In meinem Fall zum Beispiel läutete heuer bereits im Oktober das Telefon, also lange bevor du hinter dem Klingeln deines Handy-Glöckerls etwas Verdächtiges in Sachen Adventzauber oder Christbaumromantik vermuten kannst. Arglos hebst du daher ab – und dran ist die großartigste aller großartigen Chefredaktricen, M vom freizeit-Kurier, die flötend fragt, ob du nicht zwei nette, kleine Storys übernehmen möchtest. Klar sagst du da ja, ist ja schließlich Schreiberei, und du schreibst gerne. Ist ja schließlich Auftragsarbeit, und du bist tendenziell eh arm wie eine Kirchenmaus, kannst es also brauchen. Und bamm! Schon hat Weihnachten dich erwischt.

Denn der Auftrag lautete: eine Story über Weihnachtslieder schreiben, und eine weitere Story über Weihnachtsbräuche. Und zwar für das große freizeit-Extra, das ab morgen an den Kiosken erhältlich ist und das die Menschen auf die stillste Zeit im Jahr einstimmen soll. Mehr Weihnachten vor Weihnachten, vom Feeling her, geht eigentlich nicht. Und ich: mittendrin. Hat mir aber eh sehr Spaß gemacht, ehrlich gesagt.

Da war ich also und hatte das Christkind samt seiner Lieder-Bräuche-Entourage am Hals, und das gleich mit der vollen Breitseite: Weihnachtslieder. Weihanchtsbräuche! Ausgerechnet ich, für den Brauchtum eine fremde Welt ist, und der nicht singen kann.

Ich recherchierte also in den vergangenen Wochen fleißigst alles über Weihnachtslieder und Weihnachtsbräuche, was es zu recherchieren gibt. So etwas hat, wie eingangs bereits erwähnt, Folgen – da kriegst du nämlich das Gebimmel der Jingle Bells und das Rampabambam der vielen kleinen Drummer Boys bald einmal nicht mehr aus dem Kopf. Story-Ergebnis: ein Countdown der bekanntesten Weihnachtslieder vom ersten Adventsonntag bis zum Heiligen Abend – 26 mal Weihnachtsstimmung, wie gesagt ab morgen im freizeit-Kurier-Extra. Und nur, damit Sie sich wappnen können: Die unsägliche „Last Christmas“-Düdelei von Wham ist natürlich auch dabei.

Zweite Story: Weihnachtsbräuche, ebenfalls morgen im freizeit-Kurier. Da gibt es zum Beispiel Seltsames wie das Gmundner Christbaumtauchen, Verwerfliches wie das kollektive Wegschmeißen der Nerven am Einkaufsfeiertag, dem 8. Dezember, und Ulkiges wie das Einfrischen von Barbarazweigen. Finden Sie alles in der Story. Plus die Info, welchen Bräuchen unser aller Teamchef Franco Foda am Heiligen Abend folgt, wie der Publikumsliebling des Wiener Volkstheaters, die von mir schwerst verehrte Claudia Sabitzer, ihren Christbaum schmückt, und was der Wiener Dompfarrer Toni Faber jeden Heiligen Abend so treibt.

Kaufen Sie sich morgen also bitte unbedingt das X-Mas-Extra des freizeit-Kurier. Und singen sowie brauchtümlern Sie danach schön!

Ich fahre jetzt dann noch ein bissl mit dem Rad in der Stadt herum, Lockdown-Sport und so. Und dabei werde ich die Nachwehen der Weihnachtslieder-Recherche aus mir heraus singen – jedoch auf die gute, rockige Art, weil Psychohygiene: Sollten Sie in Graz unterwegs sein und Einen auf einem blauen Fahrrad das zutiefst irische Weihnachtslied „Fairy Tale of New York“ falsch singen hören, dann bin das ich.

Auf der Flucht vor dem ganzen Weihnachts-Glockengebimmel, das jetzt dann bald einsetzen wird.

2 Gedanken zu “Kling, Glöckchen

  1. „Fairytale of New York“ von den Pogues ist halt auch das schönste und stimmungsvollste Weihnachtslied aller Zeiten. Und das, obwohl es eigentlich zwei Lieder waren.

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