Pandemiepolitiker

Drei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust, in Zeiten wie diesen, in Zeiten der Pandemie also.

Selbstverständlich bin ich der wütende Bürger, der sich von seiner Regierung im Stich gelassen fühlt, auf den Arm genommen eigentlich, und der unter dem plan- und wohl auch verantwortungslosen Agieren von Behörden und Politikern zu leiden hat. Wie das ganze Land. Der leicht in Versuchung geraten könnte, sich zu denken: Das Verplempern von Zeit im vergangenen Sommer, während der man sich gut auf die zweite Pandemie-Welle vorbereiten hätte können, kostet nun Tausende das Leben, drängt Zehntausende – wenn nicht gar Hunderttausende – in psychische Erkrankungen inklusive aller Spätfolgen. Es zwingt ebenfalls Zehntausende – wenn nicht gar Hunderttausende – in Armutsfallen und das betrifft wie üblich vor allem jene, die es ohnehin schon ein wenig schwerer haben als der Durchschnitt: alleinerziehende Mütter, Frauen generell, Einpersonenunternehmen und so weiter. Dass die Dilettanten an der Staatsspitze, die das zu verantworten haben, nicht nur immer noch am Ruder sind sondern im Brustton der Überzeugung posaunen, nicht sie seien an dem Desaster schuld, weil sie ohnehin alles richtig gemacht hätten und generell super seien: Das kann einen schon sprachlos und eben wütend machen. Vor allem wenn man zusehen muss, wie die Regierung Schulen schließt, es aber Seilbahnbetreibern erlaubt, aufzusperren.

Natürlich bin ich auch Opfer. Ich habe, wie so viele andere, mit den finanziellen Folgen der Lockdowns umzugehen. Es gibt in Zeiten der Pandemie auch für einen freien Journalisten weniger Aufträge, weil die Auftraggeber von Texten weniger Werbeeinnahmen verbuchen (Medien) oder ihrerseits (Agenturen, Unternehmen) mit weniger Aufträgen zurecht kommen müssen. Weil ich allein wohne, leide ich unter dem Eingesperrtsein – wie so viele andere, die ihren Alltag jeweils als Einer oder als Eine bestreiten. Ich esse weniger und wiege trotzdem mehr, weil das mit der Bewegung in einem Lockdown halt so eine Sache ist. Wie bereits im Frühjahr, als die Regierung uns weismachen wollte, dass man draußen alles Mögliche zu unterlassen habe, und als sich das im Nachhinein als glatte Lüge herausgestellt hat. Aber sie haben uns zu Beginn der Pandemie ja auch einige Wochen lang ernsthaft erklärt, dass Schutzmasken nichts bringen und ihr Tragen daher völlig sinnlos sei.

Zwar bin ich weniger Opfer als die Schülerinnen und Schüler, denen Isolation und Distance Learning aufgezwungen wird, ohne sie darauf vorbereitet oder entsprechende Mittel bereitgestellt zu haben. Ich bin auch weniger Opfer als zum Beispiel Obdachlose, an die von der so unglaublich christlichen ÖVP traditionell zuletzt gedacht wird, wenn überhaupt an sie gedacht wird. Ich bin viel weniger Opfer als die Fremdenführer, die DJs, die performenden Künstler und andere, denen die Regierung kurzerhand Arbeitsverbot erteilt hat, ohne dass sie etwas falsch gemacht hätten. Während den oftmals über erhebliche Reserven verfügenden Betreibern von Seilbahnen erlaubt wird, weiterhin Menschen in ihre Gondeln oder auf Sessellifte zu verfrachten. Während Handelsriesen und Großkonzernen mit ihren gigantischen finanziellen Ressourcen großzügig Umsatzersatz geleistet wird. Aber ich bin trotzdem Opfer genug, um mich betroffen fühlen und aufregen zu dürfen: Es ist nicht leicht, sich jeden Abend einen künstlichen Ablauf und eine Struktur für den nächsten Tag zurechtbiegen zu müssen, weil man sonst durchzudrehen droht, wenn es kaum mehr etwas zu arbeiten und niemanden zu treffen gibt. Ichj bin auch deshalb Opfer, weil ich mich an alle Vorgaben der Regierung halte, so unverständlich, widersinnig und sich selbst widersprechend sie oft sein mögen: Maske tragen, niemanden treffen, den Händen viel und der Kehle wenig Alkohol zukommen lassen und so weiter. Schon wieder zwei Monate lang – und jetzt noch ein drittes Monat. Und natürlich Abstand halten. Nur Maul halten wird immer schwerer. Eine Verbesserung der Situation bekomme ich von der Regierung dafür im Gegenzug nicht. Fast schon wünsche ich mir baldige Neuwahlen, damit man diesen türkisen und grünen Stümpern endlich einen Denkzettel verpassen kann.

Aber ich bin immer noch auch Journalist, und als solcher hat man den Schaum vor dem Mund wegzuwischen, bevor man schreibt. Würde ich also nicht für dieses persönliche Blog hier schreiben, sondern einen Kommentar für ein Medium, sähe der Text wohl ungefähr so aus:

Ja, wir haben es derzeit schwer. Alle. Wir, die Bürger, genauso wie die Regierung. Es wäre einfach und populistisch, Politiker an diesem Punkt für Fehler anzuprangern, die zweifellos gemacht wurden. Nur bringt das wenig, wenn es eng wird. Und es ist jetzt gerade richtig eng. Dann muss man die Ärmel aufkrempeln statt den Mund aufreißen. Dann muss man zusammenrücken und denen, die es zu richten haben, eine Basis liefern, auf der sie arbeiten können. Zweifellos war es ein gravierendes Versäumnis, die Zügel im Sommer punktuell viel zu locker zu lassen und die vergleichsweise Pandemie-entlasteten Monate nicht für echte Vorbereitungen auf die zweite Welle zu nützen. Man hätte zum Beispiel an den Schulen die Infrastruktur für permanente Antigentests schaffen können, zwei pro Woche etwa. Dann müsste man die Bildungseinrichtungen jetzt nicht geschlossen halten. Man hätte die Öffnung der Grenzen für den Reiseverkehr deutlich restriktiver handhaben können. Man hätte den kleinteiligen Einzelhandel durch kurzfristige, großzügige und punktgenaue Unterstützung in Richtung Digitalisierung drängen können. Dann wären Lockdowns jetzt nur ein halb so großes und halb so teures Problem. Man hätte auch Anfang November keine halben Sachen machen, sondern gleich richtig zusperren können, bis nach Silvester, inklusive strengerer Kontrollen. Dann wären wir jetzt, da die Impfung verfügbar wird, bei den täglichen Neuerkrankungen und der 7-Tages-Inzidenz vermutlich nicht besonders weit von einer Null entfernt. Wir müssten nicht weiter Abstand zum Leben halten, am 2. Jänner könnte es Schritt für Schritt wieder starten.

Doch so wurde es nicht gehandhabt, das ist jetzt eben einmal so. Im Augenblick darüber zu diskutieren, bringt wenig. „Hättiwari“ und „was wäre gewesen, wenn“ sind keine Kategorien, an denen man sich mitten in einer Krise orientieren sollte. Dem Bundeskanzler und seinen Mitstreitern in der momentanen Situation durch wütende Kritik in den Rücken zu fallen, wäre kontraproduktiv. Vielmehr muss man ihnen den Rücken stärken, gerade jetzt und trotz aller Zweifel. Sich aufbäumen und aufräumen kann man dann hinterher immer noch, wenn wieder alles in Ordnung ist. Erst dann sind Analysen, eventuell sogar Bestrafungen politischer Fehlleistungen, angebracht und angemessen. Dann erst können, dann sollten sogar Konsequenzen gezogen werden. In Demokratien gibt es ein eigens dafür vorgesehenes Procedere, es heißt: Wahlen. Niemand zwingt die Österreicherinnen und Österreicher, die aktuellen Regierungsparteien wiederzuwählen. Wer der Meinung ist, der angerichtete Schaden sei zu groß, kann ihnen an der Wahlurne das Vertrauen entziehen. Das wäre eine angemessene persönliche Antwort, den Rest entscheidet – Demokratie eben – die Mehrheit. Der Wähler muss sich dazu allerdings in ein paar Jahren noch zurückerinnern können, braucht also zusätzlich zum Babyelefanten auch ein Elefantengedächtnis. Und zwar das eines ausgewachsenen Tieres.

3 Gedanken zu “Pandemiepolitiker

    1. Ich halte das nicht so sehr für eine Frage von Meinung, sondern von Zielen, Strategien, Rahmenbedingungen, Möglichkeiten und so weiter.

      Außerdem müsste man bei so einer Frage auch definieren, was „besser“ überhaupt bedeuten soll. Die wenigsten Toten? Die geringsten Schäden für die Wirtschaft? Die wenigsten psychischen Folgeerkrankungen? Den geringsten gesamtgesellschaftlichen Schaden, also eine Mischung aus allem? Kurzfristig, mittelfristig oder langfristig? Und so weiter. Könnte man das komplexe Problem Corona-Pandemie mit einem einzigen Wort lösen, dem Namen eines vorbildlichen Landes nämlich, an dem man sich orientieren kann: Dann wäre es gar kein echtes Problem.

      Sie finden eine neutrale Antwort auf Ihre Frage aber womöglich unter diesem Link:
      https://www.capital.de/wirtschaft-politik/diese-laender-kommen-am-besten-durch-die-pandemie

      1. Ich denke, am Ende der Pandemie werden wir alle gescheiter sein und bis dahin werden wir dem Virus hinterherhinken.

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