Diese Hoffnung bist du

So wird das nichts.

Durch einen verlängerten und verlängerten und verlängerten und so weiter Lockdown kommst du nicht ohne Plan. Bisher habe ich mich als Planloser durchgeschlagen, doch nach der heutigen Pressekonferenz unserer Regierung ist mir klar: Harte Zeiten brauchen konsequentes Handeln. Für mich heißt das: ein Plan muss her. Bis einschließlich 7. Februar.

Die schöne private Tradition des ersten Lockdowns, als ich jeden Tag ein Shakespeare-Sonett auswendig lernte, ist mir ein wenig durch die Finger gerieselt, die Sache schlief irgendwie ein. Und vom Gelernten – ich bin ja nicht viel mehr als ein steirischer Tölpel mit einem steirischen Tölpelhirn – blieb wenig haften. Doch immerhin, darauf lässt sich aufbauen. Also habe ich heute sofort nach dem Frühstück und dem Konsum der TV-Übertragung von der Regierungspressekonferenz fünf Ziele formuliert, die ich in den kommenden Lockdown-Wochen zu erreichen gedenke.

Ziel 1: Shakespeare, again. Aber nicht mehr auswendig lernen, sondern übersetzen. In jeder Woche plane ich, mir ein Sonett herzunehmen und es in deutsche Dichtung umzuwandeln. Steirische Tölpeldichtung, genaugenommen, aber das macht ja nichts. Der Anfang ist schon gemacht, Sonett Nummer 43 wurde bereits umgeschrieben, Sie sehen das Ergebnis unten.

Ziel 2: Geschirrspüler. Pünktlich zu Beginn des gegenwärtigen Lockdowns gab er Mitte Dezember w.o. Weil die Elektronik in Ordnung zu sein scheint, neige ich zur Ansicht, ich könnte das womöglich selbst reparieren. Kann ja nicht sein, dass sich ein mechanisches Gerät nicht zerlegen und wieder zusammenbauen lässt. Wir werden sehen, ich werde Ihnen am 8. Februar berichten, wie die Angelegenheit verlaufen ist und ob ich mein Geschirr immer noch von Hand wasche.

Ziel 3: Prequel. Die Geschichte von Declan und seiner verschollenen Tochter, die ich im Sommer in zwei Episoden für den irischen Tourismusverband schrieb, hat ja eine Vorgeschichte, ein Prequel, wie es im Englischen so schön heißt. Das noch nicht geschrieben ist und zur Erfindung ansteht. Eine sehr schöne Lockdown-Aufgabe. Der Titel steht bereits fest – und ich gebe zu, ich ließ mich da ein wenig vom Netflix-Konsum der vergangenen Tage und Wochen inspirieren, er lautet: „Diese Hoffnung bist du“. (Vielleicht kommen Sie ja selbst drauf, von wo ich ihn gestohlen habe.) Ich werde jedenfalls Spaß beim Schreiben haben.

Ziel 4: nicht ärgern. Natürlich könnte man weinen, wenn man sieht, wie unernst die Regierung sich mit ihren Corona-Lockdowns selbst nimmt: Das Schneckentempo, in dem geimpft wird. Dass behördlicherseits niemand auf die Idee kam, näher hinzusehen, wenn 17 Briten mitten im Lockdown, wenn alle Ausbildungseinrichtungen geschlossen halten, sich in Tirol zum Hauptwohnsitz anmelden, um eine Skilehrerausbildung zu absolvieren, die offensichtlich so gar nicht angeboten wird. Dass Studenten in Graz, zum Beispiel in der Mandellstraße, eine Straßenparty ohne Abstand und ohne Schutzmasken feiern und eine Polizeistreife im Schritttempo vorbeifährt, mit grinsenden Polizisten im Auto (das ließ sich erkennen, weil sie keine Schutzmasken trugen) und ohne anzuhalten oder gar einzugreifen. Und so weiter. Aber, mir soll das alles wurscht, recht und billig sein, ich will künftig einfach entspannt und ärgerfrei auf meinen Lockdown-Spaziergängen wandeln. Ich halte mich brav an die Vorschriften, leide am Eingesperrt sein im Stillen und hier im Blog, der Rest ist Kismet.

Ziel 5: Vorfreude mit Genuss. Wenn der Lockdown dann doch irgendwann einmal vorbei geht, wartet der Mondsee, wartet die zu Wasser zu lassende Blue Grape, deren zugedeckten Einwinterungszustand ich ab und zu via Webcam des Segelclubs Schwarzindien beobachte. Es wartet das Soulredsummerfeelingauto in seiner vorderhand finsteren, weil verschlossenen Garage. Das alles erlaubt Vorfreude. Weil derzeit rundherum alles grau und trist ist, muss man sich allerdings ein bissl dazu zwingen, sie auch zu empfinden. Machen Sie das doch ebenfalls so, liebe Blogleser und Innen, nehmen auch Sie sich Ziel Nummer 5 für Ihren eigenen Kosmos vor, falls Ihnen das Virus und sein Drumherum schon sehr auf die Nerven gehen. Ich bin sicher, auch Sie verfügen über etwas, auf das es sich zu freuen lohnt, wenn Sie einmal geimpft sind und das Virus nur mehr Makkulatur ist. Stellen Sie sich dieses Dingsbums, was immer es in Ihrem Fall sein mag, doch einfach bildlich vor. Stellen Sie sich vor, wie Sie sich daran oder damit erfreuen und wieder glücklich sind. Und dann sagen Sie laut zu sich selbst:

Diese Hoffnung bist du!

Schon geht´s bergauf, Sie werden sehen. Damit es kein Missverständnis gibt: Ich bin für den Lockdown. Ich hätte mir nur gewünscht, dass die Schulen geöffnet und die Skilifte geschlossen gehalten worden wären. Und dass seine Einhaltung ernsthafter betrieben und kontrolliert würde. Dass die Regierung sich selbst und ihre Vorgaben mehr und die Landeshauptleute und ihre Lobbyisten weniger ernst nehmen würde. Dass man im Gesundheitsministerium zumindest ein kleines bißchen kompetenter wäre. Dass die Exekutive einheitlicher und – nie hätte ich gedacht, dass ich, der Polizisten ja überhaupt nicht mag, das einmal sagen würde – konsequenter agierte. Aber vielleicht kommt das ja noch.

Hier jetzt wie versprochen das ins Deutsche übertragene Shakespeare-Sonett Nr. 43 – bitte kommentieren Sie durchaus, wenn Sie meine freie Übersetzung gut oder schrecklich oder mangelhaft oder gelungen oder was auch immer finden:

No. 43

Der Schlaf ist es, der unsren Augen Licht verleiht,

Die all den Tag nur Dunkles sehen, das uns erschreckt;

Im Schlaf jedoch, der Dunkles uns mit Licht verzeiht,

Wird unser Leben hell und Schönes wird in uns geweckt.

Und du, deren Schönes Schönheit in sich trägt,

Wie würde dein Blick erst, im Traum, den hellen Tag entdecken,

Wenn dein innrer Schein Licht in dein Dunkel bewegt,

Und durch geschlossne Augen dein Leben lässt erwecken?

Und ich? Wie wären meine Augen in meinem Schlaf gesegnet,

Sähen sie dich, an einem strahlend schönen Tag,

Der dunkler Nacht mit deinem Glanz furchtlos begegnet,

Den ich in tiefem Schlafe zu erkennen vermag. 

Finstre Tage werden helle Nächte, willst du bei mir bleiben,

Und fnstre Nächte helle Tage, wenn Träume dich mir zeigen.

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