Sprechende Köpfe

Erinnern Sie sich noch, falls Sie, so wie ich, nicht mehr ganz jung, sondern nur noch erstklassig erhalten und daher jugendlichen Gemüts sind? Die Talking Heads! Musik aus dem alten Jahrtausend.

Ich muss an dieser Stelle einen kurzen Einschub über mein iPhone vornehmen, das ebenfalls nicht mehr ganz jung, aber noch erstklassig erhalten ist. Ab und zu legt es trotz seines passablen Zustandes eine mir nicht nachvollziehbare Extraschicht ein, zum Beispiel heute am Vormittag: Ohne mein Zutun setzte es sich selbst in Betrieb und spielte den Song „Road to Nowhere“, eben von den Talking Heads. Zwar wunderte mich das, aber was soll ich sagen, es gefiel mir. Ich mag die Talking Heads, weil ich ein Jugendlicher der 1980er-Jahre bin. Beim Zuhören kam ich dann ins Nachdenken, mit wem ich in letzter Zeit beruflich alles gesprochen hatte. Mit welchen sprechenden Köpfen ich es zu tun gehabt hatte. Weil Talking Heads und so – Sie verstehen schon.

Da war einmal für eine Story, die im morgigen freizeit-Magazin des Kurier erscheint, der formidable Mondseer Tischler Gerald Aichriedler. Sie sehen ihn im Aufmacher-Selfie. Der Mann baut Standup-Paddleboards aus Holz, besser gesagt: Er baut sie mit Ihnen gemeinsam, wenn Sie das möchten. Aichriedler bietet Kurse an, in deren Verlauf Sie sich ihr eigenes, speziell und von Ihnen designtes SUP-Board erarbeiten können. Sie bringen Ihre Ideen und Wünsche ein, Aichriedler sein Tischler-Know-how. Je nach Wunsch teilen Sie sich die Arbeit auf, alles ist möglich: Sie können eine Woche, zum Beispiel eine Urlaubswoche, durchbauen und sind fertig. Sie können jeden Tag eine Stunde oder so vorbeischauen und mithelfen, den Rest macht der Meister. Oder Sie rufen kurz an und sagen:

Jetzt komm ich!

Und falls es in seinen Terminplan passt, sagt der dann:

Super, her mit Ihnen!

Besser gesagt, er sagt: Her mit dir!, im Mondseeland ist man ja rasch per du, weil man sich grundsätzlich freundlich gegenüber steht.

Jedenfalls, Tischler Aichriedler: An die 30 Boards hat er schon gebaut, dazu Dutzende Paar Ski – man muss ja auch im Winter von was leben. Ich empfehle den Mann Ihrer Aufmerksamkeit. Mehr erfahren Sie, indem Sie hier klicken: www.tischlerwerke.at

Noch besser wäre natürlich, Sie kaufen sich morgen den Kurier und lesen die Story „Wasserfest“ im beiliegenden freizeit-Magazin.

Erst am nächsten Freitag, nach Adam Riese müsste das der 9. Juli sein, lesen Sie dann im trend, den Sie sich ebenso kaufen sollten, von anderen Gesprächspartnern. Es handelt sich dabei um zwei Herren, die auf ganz kuriose Weise von den Sozialen Medien im Internet immer wieder durch den Kakao gezogen werden – die beiden Geschäftsführer der Cofag. Die Cofag, das ist die staatliche Abwicklungsagentur für die Covid-19-Hilfen. Knapp zwölf Milliarden an Förderungen haben die beiden bisher unters Volk verteilt, und trotzdem mag sie niemand so recht. Die einen, die nichts bekommen haben, beschweren sich. Und die anderen, die was bekommen haben, beschweren sich auch, weil sie noch mehr wollen. Und so weiter. Wir Menschen halt. Ich habe mir die Sache genau angesehen und bin überzeugt: Unabhängig von den vielen Unkenrufen aus dem Web – die österreichischen Covid-19-Hilfen sind effizient, großzügig und gut. Ich würde sogar sagen, in manchen Fällen zu gut. Vor kurzem erst sprach ich ausführlich mit einem Tourismus-Chef aus, nun ja: Das wollen wir lieber verschweigen. Hinter vorgehaltener Hand gab er jedenfalls zu, dass Hoteliers und Gastronomen aus seinem Einzugsgebiet während der Pandemie kaum schlechter verdienten als zuvor. Weil: Mitarbeiter in staatlich finanzierter Kurzarbeit, kein Wareneinsatz, reduzierte Fixkosten, aber 80 Prozent Umsatzersatz. Ich will das ebenso wenig kommentieren, wie die beiden Cofag-Herren es taten, sie exekutieren nur den Willen der Regierungspolitiker.

Mitleid hatte und habe ich mit ihnen übrigens nicht, da können sie vom unzufriedenen Volk der Förderbegünstigten noch so zu Unrecht gescholten werden. Denn: Wer sich in die Politik oder deren Umfeld wagt, ist selbst schuld. Und um politische Postenbesetzungen handelt es sich bei der Vergabe der beiden Jobs der Cofag-Geschäftsführer allemal. Einer kommt aus dem türkisen Lager und ist dort sozusagen Bestandteil der Familie, der andere hat seine Brötchen in der Vergangenheit unter anderem im Parlmentsklub der Grünen verdient.

Ich hatte natürlich in letzter Zeit noch viele andere Gespräche mit anderen Menschen, aber die lassen wir einmal beiseite. Erzählen will ich Ihnen nur noch von der Unterhaltung, die ich heute führte, nachdem das iPhone Road to Nowhere fertig abgespielt hatte und sich wieder ruhig verhielt. Bis es klingelte. (Ich habe noch diesen altmodischen Klingelton eingespeichert, wie ihn auch die seinerzeitigen Wählscheibentelefone konnten, falls Sie wissen, was ich meine.)

Dran war ein Nino Nobre de Andrade, was mir zunächst ein wenig seltsam vorkam, weil mir der Name doch sehr exotisch für meinen Bekanntenkreis schien. Jedenfalls, stellte sich heraus: ein Mitarbeiter der Spedition Gebrüder Weiss. Ich habe bei der feinen jungen Firma „Casarista“ ein Sofa gekauft, ein sehr modernes, freundliches und extrem kundenorientiertes Startup. Geliefert wird die frische Sitzgelegenheit von den Gebrüdern Weiss. Nicht völlig unproblematisch, wie sich zeigte. Denn mit den Gebrüdern Weiss einen Liefertermin zu vereinbaren ist, wie soll ich sagen, mühsamer als es sein müsste. Die Gebrüder hätten es gern gesehen, wenn ich nächsten Montag stundenlang zu Hause ausharre und warte, dass sie irgendwann einmal vorbei schauen. Wann genau, daraus machten sie ein Geheimnis. Hielt ich mir also den kommenden Montag frei. Heute sagte mir der junge Herr mit dem exotisch klingenden Namen jedoch: Termin sowieso storniert. Ich hatte nämlich auf das SMS nicht mit dem exakten Code geantwortet, den die Gebrüder Weiss sich von den Kunden ihres Auftraggebers Casarista wünschen. Und ohne ist nix mit Zustellung. Soll sein, ich disponierte also auf Dienstag um, den neuen Termin, und wünschte mir ein Zeitfenster von weniger als fünf Stunden, die ich ausharrend wartend zu verbringen haben würde.

Bei uns derzeit nicht möglich, sagte Gebruder Weiss Nobre de Andrade.

Aber ich bin ein zahlender Kunde, antwortete ich, ich will mich nicht von Ihnen irgendwohin bestellen lassen und stundenlang warten, sondern ich hätte gerne, dass Sie sich nach meinen Wünschen richten.

Bei uns derzeit nicht möglich, sagte Gebruder Weiss Nobre de Andrade.

Ich hatte nicht wirklich den Eindruck, dass er sich groß Gedanken machte, wie sich das Sofa liefern lassen könnte, dass ich, Kunde, zufrieden sein würde. Immerhin konnte ich noch herausschlagen, dass sich der Fahrer eine Stunde, bevor er bei mir antanzen würde, telefonisch melden wird. Mehr ging nicht.

Bei uns derzeit nicht möglich, sagte Gebruder Weiss Nobre de Andrade jeweils, sobald ich nach mehr Kundenorientierung verlangte.

Servicequalität mit Luft nach oben ist das, meiner Meinung nach, angesichts der Tatsache, dass man ein mehrere tausend Euro teures Produkt gekauft hat.

Aber es ist ja so, um mit den Talking Heads und einer Textzeile aus Road to Nowhere zu sprechen: Ich bin kein kleines Kind und ich weiß, was ich will. Ich werde die Casaristas wissen lassen, dass ich mit der Dienstleistungsqualität ihres Auslieferers überhaupt nicht zufrieden bin. Und bevor sie diesen nicht gewechselt haben, werde ich bei ihnen nichts mehr kaufen – auch nicht das neue Terrassen-Sofa, dessen Besorgung im August ansteht. Da können sie selbst noch so bemüht, kundenfreundlich und toll sein – wenn ich mich dann mit ihrem Lieferanten herumärgern muss, bei dem derzeit scheinbar wenig möglich ist, lasse ich das lieber sein.

Aber Sie, liebe Blogleser und Innen, lassen Sie sich bitte nicht von mir beeinflussen. Sollten Sie einmal mit den Casaristas oder den Gebrüdern Weiss zu tun haben – bilden Sie sich doch bitte einfach selbst Ihr Urteil. Und wenn möglich kaufen Sie sich darüber hinaus morgen den Kurier und nächsten Freitag dann den trend. Damit dort die Verkaufszahlen steigen und ich mehr Aufträge für Geschichten bekomme. Denn von irgendwas muss ich meine Sofas, das drinnen im Zimmer und das draußen auf der Terrasse, ja auch bezahlen …

2 Gedanken zu “Sprechende Köpfe

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