Hasta la vista, Minister

Zum ersten Mal überhaupt in diesem Blog will ich Ihnen mit einem Buchtipp einen Text ans Herz legen, der die Lektüre wirklich verdient.

Wenn Sie Staatsbürger oder Staatsbürgerin mit wachem Interesse an der Politik und den Vorgängen sind, die Ihr Leben in diesem Land bestimmen, sollten Sie dieses Büchlein lesen. Es umfasst nicht viele Seiten, bietet aber tiefe Einblicke in die Arbeitsweise, die geballte Inkompetenz von Entscheidungsträgern und die beinahe schon organisierte Steuergeldverschwendung in einem österreichischen Ministerium. In diesem Fall im Wirtschaftsministerium der türkisen Ministerin Margarete Schramböck.

Doch zuerst die Vorgeschichte:

René Siegl, bis Ende des vergangenen Monats noch Geschäftsführer der Austrian Business Agency (ABA) und damit oberster Betriebsansiedler des Landes seit knapp einem Vierteljahrhundert, wird von der Wiener Wochenzeitung „Der Falter“ in ihrer aktuellen Geschichte „Der Kronzeuge“ so beschrieben:

Ein akkurater Mann mit rahmenloser Brille, ein studierter Jurist und Betriebswirt, beruflich in der Voest, im Bankwesen und in der Industriellenvereinigung groß geworden. Vom Naturell her ruhig. Vom Verständnis her loyal.

Ich kenne Siegl schon seit mehr als drei Jahrzehnten und kann sagen: stimmt alles. Er ist außerdem ein hochanständiger Mensch, klug, verlässlich, Handschlagqualität geht ihm über alles, und er hat eine ausgesprochen hoch liegende Reizschwelle. Siegl bleibt selbst bei den unangenehmsten Herausforderungen, den lästigsten Belästigungen, gelassen.

Doch jetzt hat er, wie der Falter schreibt, hingeschmissen.

Die vergangenen drei Jahre unter der Ägide von Wirtschaftsministerin Margerete Schramböck haben selbst ihn, den Besonnenen, der die Nerven behält, wenn andere längst auszucken, entnervt aufgeben lassen. Siegl hat sich von sich aus, aber keinesfalls freiwillig, aus seinem Job verabschiedet – nur ein Jahr vor seinem 25-jährigen Zugehörigkeitsjubiläum zur ABA, wenige Jahre vor seiner Pensionierung. Weil es ihm gereicht hat, weil er den täglichen Wahnsinn im Umgang mit dem Ministerium, vor allem mit der Ministerin und noch mehr mit deren Kabinett, nicht mehr ausgehalten hat.

Einen kleinen Teil seiner teils kafkaesken Erlebnisse mit Ministerin und Ministerbüro können Sie in der aktuellen Falter-Geschichte nachlesen. Aber eben nur einen Teil. Was der Falter verschweigt: Siegl hat ein Büchlein über seine Erfahrungen mit dem Ministerium verfasst, eine Art Tagebuch. Es liest sich wie ein Krimi mit schildbürgerhaften Einschlägen, wie ein zynisches Abschiednehmen von einem, der losgelassen hat – Abschiednehmen von dem, was ihn zu diesem Loslassen getrieben hat. Und von denen, die ihn zu diesem Loslassen getrieben haben.

Weil Siegl, der in den Anfängen seiner Berufslaufbahn auch Wirtschaftsjournalist war, ausgezeichnet schreiben kann, wurde der Text zu einer humorvollen Retrospektive auf drei Jahre ministerielles Chaos, Unfug und Desorientierung. Siegl beschreibt auf nur 38 Seiten detailverliebt, faktenorientiert und augenzwinkernd, wie im Ministerium gearbeitet wurde und wohl noch immer gearbeitet wird. Wie ihm plötzlich neue Mitarbeiter für neue Projekte aufs Auge gedrückt wurden, für die es weder Budgets noch Abteilungen gab, zum Beispiel die Marketing-Frau eines veganen Restaurants für die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte in Österreich. Wie die Ministerin verlangte, die Rekordzahl der Ansiedlungen eines Jahres von zufälligen 333 auf 444 zu steigern, weil das halt eine schöne Zahl ist. Wie ein extra engagiertes Beratungsunternehmen ein schlüssiges ABA-Konzept unter anderem mit Grafiken aufhübschte und die zuvor unzufriedene Ministerin damit zufriedenstellte – für ein beinahe sechsstelliges Euro-Honorar.

Dazu ist zu sagen: Die ABA ist dazu da, Betriebsansiedlungen ausländischer Unternehmen in Österreich vorzubereiten, zu managen und über die Bühne zu bringen. Siegl hat das mit unglaublichem Erfolg gemacht, Rekordjahr folgte auf Rekordjahr. Der Falter schreibt von 68.000 Arbeitsplätzen, die Siegl mit seiner ABA induziert hat, und von 12 Milliarden Euro an Investitionsvolumen. Vier Wirtschaftsminister – Farnleitner, Bartenstein, Mitterlehner und zuletzt Mahrer – waren hochzufrieden mit den immer neuen ABA-Höchstleistungen und nutzten deren Arbeit gerne dafür, das eigene Ministerium zu bewerben. Alles lief gut, alle waren zufrieden. Bis Ministerin Nummer fünf kam, eben Margarete Schramböck. Was unter ihr plötzlich alles anders wurde und wie absurd anders alles wurde, lesen Sie am besten selbst eben in Siegls Büchlein.

Das Besondere an dem Text: Nie erhebt Siegl den Zeigefinger, nie wird getadelt oder kritisiert. Er beschränkt sich auf die Schilderung von Vorgängen, Vorhaben und Vorführungen – aber stets mit hinter feinem Zynismus, leisem Humor und zart satirischen Formulierungen versteckter Klarheit, wie seine Meinung zu all dem aussieht. Das Büchlein liest sich wie ein Satire-Krimi und bietet dem verstörten Leser Einblicke in die komplexe Machtmaschinerie der türkisen ÖVP, in der Wissen und Können wenig, Gefügigkeit jedoch viel zu zählen scheinen. Siegl liefert mit seinen Aufzeichnungen ein Stimmungsbild, wie unsere Republik von der Kurz-Truppe geführt wird. Zum ersten Mal erfährt der Staatsbürger in dem Büchlein aus erster Hand eines Betroffenen, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt, wie es wirklich läuft. Wie das Land tatsächlich vorgeführt wird, was für die Kurz-Männer und -Frauen wirklich zählt, und wie wenig das prosperierende Staatsganze dabei in Wahrheit gilt.

René Siegls fein ziselierter Text ist wie ein Tagebuch, dessen gelungener Titel „Hasta la vista, Minister!“ wie die bittere, dennoch humorige letzte Verabschiedung eines Mannes klingt, der es besser gewusst und besser gekonnt hätte, hätte man ihn nur gelassen – die Verabschiedung von einer übermächtigen Maschinerie, in der Anständige nur scheitern können.

Ich empfehle Ihnen sehr, sich das Büchlein von Amazon herunterzuladen, seit gestern steht es dort zum Download bereit. Es kostet als Taschenbuch lediglich 3,68 Euro (damit Geld zu verdienen ist das Letzte, was Siegl wollen würde) und als Kindle-Download 0,99 Euro. Über Kindle unlimited ist der Download sogar überhaupt kostenlos. Es bietet Ihnen hochwertigsten Anschauungsunterricht, wie derzeit im Staatsgetriebe mit Steuergeld, Verwantwortung und Pflichtbewusstsein umgegangen wird.

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Ein Gedanke zu “Hasta la vista, Minister

  1. Lieber Klaus! Danke für den Tipp!

    Sag, brauchst du nicht einen gescheiten Text für Bestseller/profil?

    Es tut sich soviel. Von SLAPP bis Pegasus….

    LG Otmar

    >

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