Großes Ganzes

Sie müssen sich nicht schrecken. Hier kommt jetzt keine gewichtige Analyse des politischen Geschehens der vergangenen Tage – obwohl es mich in den Fingern an der Tastatur jucken würde, meine jüngere Vergangenheit als Innenpolitik-Redakteur des entschlafenen Nachrichtenmagazins „Format“ wieder aufleben zu lassen. Ich habe jedoch aus den Jahren meiner engen Bekanntschaft mit der heimischen Innenpolitik und deren Protagoniosten, von denen ja einige noch aktuell und aktiv sind, gelernt: Es ist besser für die eigene Psychohygiene, dort nicht anzustreifen.

Stattdessen lieber Fußball.

Ich litt, wie vermutlich nicht wenige und euch auch, liebe Blogleser und Innen, am vergangenen Dienstag wie ein Hund. Was die österreichische Nationalmannschaft in Kopenhagen gegen Dänemark ablieferte: gruselig. Wie schon in den Spielen zuvor. Gestern hatte ich dann die stundenlange Autofahrt Graz-Kleinpertholz-Wien-Graz zu bewältigen, da konnte ich viel nachdenken über die Bestrebungen, Teamchef Foda angesichts der stetigen Rückwärtsentwicklung des Teams abzulösen. Und als ich heute in den Zeitungen darüber las, dass das wohl tatsächlich im Gange ist, dachte sich mein Ego:

Du bist doch Fußballfan wie alle anderen Bürger und Innen im Land auch, also schreib gefälligst was drüber im Blog!

Gedacht, getan:

Mir scheint ein wenig, alle betrachten die Angelegenheit „Teamchef-Ablöse oder nicht“ ein wenig zu sehr mit dem Tunnelblick der Momentaufnahme. Das große Ganze hat kaum wer im Gesichtsfeld. Denn da stellen sich dann Fragen, die nicht so leicht zu beantworten sind.

Also:

Franco Foda ist ein außerordentlich erfolgreicher Teamchef, das ist aus den Zahlen ablesbar. Es gibt nicht viele österreichische Nationaltrainer, die über alles eine bessere Bilanz als er aufzuweisen haben. In den ersten beiden Jahren seines Engagements war er so gut wie keiner vor ihm, wenn man vom Coach Hugo Meisel und seinen eineinhalb Jahren Wunderteam aus dem fußballerischen Mittelalter einmal absieht. Das darf man nicht außer Acht lassen. Foda muss es also eigentlich können.

Andererseits ist ebenso offensichtlich: Seit knapp zwei Jahren entwickelt sich das Team unter seiner Regie zurück. Das hat mit dem ersten Israel-Spiel in der vergangenen EM-Qualifikation begonnen. Danach wurde es nur mehr punktuell wieder besser, insgesamt ging es bergab. Und im heurigen Jahr ist es nur noch schaurig. Selbst die angeblich so gut gespielte Europameisterschaft war nicht wirklich gut. Ein Spiel, jenes gegen Italien, war sehr gut, ging aber trotzdem verloren. Das Spiel gegen die Ukraine war angemessen, der Rest zum Vergessen. Mit dem Achtelfinale wurde das Minimalziel erreicht, mehr nicht. Das Team entwickelt sich unter Foda zurück und es gibt keine Anzeichen für einen Turnaround.

Daher ist es wohl trotz aller vergangenen Erfolge legitim und sinnvoll, über eine Ablöse des Teamchefs nachzudenken. Aber da stehen dann zwei Fragen im Raum, die sich aus einem Foda-Abschied ergäben und deren Beantwortung alles andere als einfach ist.

Erstens: Kann es sich der Fußballverband überhaupt leisten, seinen Teamchef in die Wüste zu schicken und sein Gehalt dann mindestens bis Ende März 2022 – möglicherweise sogar bis Ende kommenden Jahres – zu zahlen? Plus das Gehalt eines neuen Teamchefs mit dessen gesamter Entourage, also Co-Trainern, Analysten und so weiter?

Und zweitens, noch viel wesentlicher: Wer soll Foda überhaupt nachfolgen?

Zu Frage Nummer 1 kann ich nicht viel beitragen, das werden die Herren Landespräsidenten im ÖFB (eine Frau wäre übrigens einmal richtig super, schlag nach beim ÖSV) schon zu beurteilen wissen. Aber zu Frage Nummer 2 muss man ein paar Dinge festhalten:

Die üblichen Verdächtigen bei der Neubesetzung des Teamchef-Postens – Andreas Herzog (der wird immer ins Spiel gebracht), Didi Kühbauer (der wird sicher bald ins Spiel gebracht) und Peter Stöger (der wird bereits ins Spiel gebracht) – wären genau das, was Foda auch ist: Durchschnitt, nach internationalen Maßstäben. Mittelmaß. Mit denen käme Österreichs Team vom Foda in die Traufe.

Und sonst? Die wirklich guten, modernen, erfolgreichen österreichischen Trainer sind zweifellos kurzfristig nicht zu bekommen:

Adi Hütter ist gerade nach Mönchengladbach gegangen und dort auf dem Weg, mit seiner neuen Mannschaft erfolgreich zu werden – und könnte vom ÖFB wohl zehnmal nicht bezahlt werden. Oliver Glasner ist gerade nach Frankfurt gegangen und dort bald auf dem Weg, mit seiner neuen Mannschaft erfolgreich zu werden – und könnte vom ÖFB wohl zehnmal nicht bezahlt werden. Ralph Hasenhüttl sitzt in Southampton fest im Sattel, ist von einigen Wellentälern abgesehen dort ziemlich erfolgreich und könnte vom ÖFB wohl zwanzigmal nicht bezahlt werden.

Und die modernen, guten, nicht österreichischen Trainer mit Österreich-Bezug? Marco Rose in Dortmund: siehe Hasenhüttl. Der extrem erfolgreiche Valerien Ismael in Westbromwich? Siehe Rose. Jesse Marsch in Leipzig? Nun ja, der könnte tatsächlich bald frei werden. Aber der ÖFB könnte ihn wohl: zehnmal nicht bezahlen. Gerhard Struber in New York? Nun ja. Bliebe vielleicht noch Matthias Jaissle von RB Salzburg, der ein ganz außerordentlicher junger Trainer zu sein scheint, sozusagen der seinerzeitige Julian Nagelsmann von heute. Der wird einen Teufel tun, aus Salzburg wegzugehen – wenn der dort noch eineinhalb Jahre so arbeitet wie derzeit, kann er sich Spitzenclubs in den europäischen Top-Ligen aussuchen. Und der ÖFB wird ihn sich außerdem wohl: zehnmal nicht leisten können.

Mit scheinen zwei Lösungen vernünftig:

Die erste Variante: mit Franco Foda weiterarbeiten, bis sein Vertrag ausläuft.

Seien wir ehrlich, viel kann eh nicht mehr zusätzlich schiefgehen. So wie das Team derzeit spielt, ist ein Erfolg in den WM-Qualifikationsspielen im kommenden März unwahrscheinlich. Dann ist Foda vertragskonform Geschichte. Wenn der ÖFB jetzt schon mit der Trainersuche beginnt, mit dem zeitlichen Spielraum eines halben Jahres, ist mehr möglich als aktuell husch-pfusch geht. Und wenn Foda die WM-Quali in den Playoffs doch schafft und mit Österreich zur WM nach Katar fährt, ist überhaupt Zeit bis Jahresende. Das ist dann zu machen und man könnte eine gute, nachhaltige Trainer-Zukunftslösung zu finden. Und falls wir nach Katar dürfen: Weltmeister werden wir auch mit einem neuen Top-Trainer genauso sicher nicht wie mit Franco Foda. Was soll also schon groß passieren.

Und die zweite Variante?

Gut, schmeißen wir Foda eben sofort raus. Dann aber bitte Sportdirektor Peter Schöttel gleich mit, denn der hinterlässt, zumindest bei mir, ohnehin seit seinem Amtsantritt den Eindruck der grundsätzlichen Überforderung.

Dann braucht es allerdings eine tragfähige Zwischenlösung. Dann müssen zwei Leute her, die die Aufgabe nachweislich bewältigen können, bis eine völlige neue, langfristige Lösung gefunden ist. Wir brauchen dann einen Teamchef und einen Sportdirektor, die den Laden bis zum Abschluss der WM-Qualifikation schmeißen und das Werkl rund laufen lassen, im Idealfall sogar bis zum Abschluss der WM. Wir brauchen einen Teamchef und einen Sportdirektor, die bereits bewiesen haben, dass sie das können.

Und wissen Sie was? Die gibt es sogar: Israel wird in der laufenden WM-Quali den dritten Platz in der Gruppe belegen, damit wird der israelische Teamchef und früher – extrem erfolgreiche – ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner wieder frei. Er könnte das Sportdirektor-Amt bei uns neuerlich, und zwar interimistisch übernehmen. Und aus ziemlich unverständlichen Gründen hat der schweizerische FC Basel vor ein paar Monaten seinen ebenfalls durchaus erfolgreichen Trainer hinausgeworfen. Der wäre für Österreich frei und würde das vermutlich auch machen. Er heißt: Marcel Koller. Holen doch einfach wir jenes Duo, dem der ÖFB ziemlich viel zu verdanken hat und das seinerzeit auf recht unschöne Weise und zu Unrecht verabschiedet wurde, für ein paar Monate oder noch besser für etwas mehr als ein Jahr wieder zurück. Und nutzen wir diese Zeit dann, um eine wirklich zukunftsträchtige, nachhaltige Lösung der Teamchef-Frage für viele Jahre zu finden.

Unter diesen Umständen würde der Blick aufs große Ganze ergeben: Foda kann gehen. Sonst nicht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s