Die Fragen der Pandemie

Soll es einen weiteren Lockdown geben?

Nur für Ungeimpfte oder für alle?

Soll man sich nun impfen lassen oder nicht?

Braucht es eine Impfpflicht?

Und wenn ja, eine allgemeine oder nur eine auf bestimmte Berufsgruppen beschränkte Impfpflicht?

Und überhaupt?

Der Eindruck lässt sich nicht von der Hand weisen: Nicht nur an der Beantwortung dieser Fragen, sondern ganz grundsätzlich an ihrer Diskussion und am verantwortungsvollen Umgang damit scheitern unsere Politiker derzeit dramatisch. Und nicht nur sie, unsere ganze Gesellschaft scheint daran zu scheitern. Die Folgen, die daraus resultieren, werden nachhaltiger und schädlicher für unser gemeinsames großes Ganzes sein als die Schäden, die das Covid-19-Virus in unserem Zusammenleben anrichtet.

Kurze Bestandsaufnahme:

Wir haben mittlerweile einen Bundeskanzler, der knapp 30 Prozent der von ihm zu regierenden Bevölkerung, nämlich den Ungeimpften, öffentlich die Solidarität versagt – und damit indirekt alle anderen aufhetzt, es ihm gleich zu tun. Das mag vielleicht seine Privatmeinung sein und er mag damit Recht haben oder auch nicht – als öffentlich verkündete Meinung eines Regierungschefs ist es jedenfalls indiskutabel. Ein Anführer, der verkündet, dass 30 Prozent der von ihm zu Führenden die Solidarität der anderen 70 Prozent nicht verdienen, eignet sich nicht für diesen Job.

Wir haben einen Landeshauptmann, der die Wissenschaft öffentlich lächerlich macht, in Zeiten dieser Pandemie eine Art Rettungsboje und ein Leuchtfeuer der Zuverlässigkeit, und der sich im Nachhinein irgendwie herauszureden versucht. So jemand eignet sich nicht als Landeshauptmann. Eigentlich eignet sich so jemand überhaupt nicht als Politiker.

Wir haben eine Ministerin, die klipp und klar sagt, dass jetzt mit der Solidarität für die Ungeimpften Schluss sein müsse. Dieser Egoismus mag zwar akzeptabel sein, wenn man auf irgendeinem Bergbauernhof mit der Familie streitet, wer nun endlich beim Stallausmisten helfen soll – für den Job eines Regierungsmitgliedes geht das einfach nicht.

Wir haben eine Landesrätin, die ungeimpftes Pflegepersonal als „Todesengel“ bezeichnet. Nur der Vollständigkeit halber: Pflegepersonal, egal ob geimpft oder ungeimpft – das sind jene Männer und Frauen, die neben den schwer Erkrankten am meisten an den Pandemie-Folgen leiden und die im permanenten Zustand der katastrophalen Überlastung bei ebenso katastrophaler Unterbezahlung Leben retten, Kranke wieder gesund pflegen. Jemand, der diese Menschen allen Ernstes als Todesengel bezeichnet, nur weil sie sich nicht impfen lassen wollen, eignet sich nicht für welchen Posten auch immer in einer Landesregierung.

Auch das nur der Vollständigkeit halber: Alle vier Politiker beziehungsweise Politikerinnen gehören derselben Partei an – der ÖVP. Aber das sagt eigentlich gar nichts, denn wir haben ja nun schon den zweiten mit der Pandemie überforderten Gesundheitsminister – der einer anderen Partei angehört – und wir haben einen Oppositionspolitiker wieder einer anderen Partei, der ein Pferdeentwurmungsmittel als Medikament gegen Corona empfiehlt. Inkompetenz, Intoleranz, Verantwortungslosigkeit und Überforderung sind also keine parteipolitischen Qualifikationen, sondern in der Politik unserer Zeit omnipräsente Übel.

Das alles führt unser Land in einen schrecklichen Zustand der Desorientierung, der Destabilisierung, und es reißt Gräben auf. Es spaltet unsere Gesellschaft. Es schürt Hass zwischen Menschen, es hetzt Geimpfte gegen Ungeimpfte und Ungeimpfte gegen Geimpfte auf. Das ist furchtbar und wir werden an den Folgen dieser verantwortungslosen Handlungsweisen einiger unserer Spitzenpolitiker noch Jahre zu leiden haben, nachdem die Pandemie längst Geschichte geworden sein wird.

Dabei wäre es eigentlich gar nicht so kompliziert, einige grundsätzliche Überlegungen auseinander zu klauben und dann auch auseinander geklaubt – statt wild und unreflektiert in einen Topf geworfen – zu kommunizieren.

Erstens: Demokratisch organisierte Gesellschaften leben auf Basis des Grundkonsenses eines solidarischen Miteinanders. Schlechte Entscheidungen und Fehler eines kleineren Teils der Gesellschaft werden von der Gesellschaft insgesamt getragen, auch wenn das hier und da zu Nachteilen für den größeren Teil führen sollte. Die Starken schützen die Schwachen, die Gescheiten die Dummen, die Schnellen die Langsamen, und so weiter. Insgesamt trägt so ein Grundkonsens des gesellschaftlichen Miteinanders – dessen Rahmenbedingungen im Übrigen in Österreich sogar niedergeschrieben sind, die Summe dieser Niederschriften nennt sich Gesetze – zum prosperierenden Gesamtganzen auf lange Sicht bei.

Man kann also nicht Ungeimpfte gegen Geimpfte ausspielen. Und beide Gruppen täten gut daran, trotz gegenteiliger Ansichten einen respektvolleren Umgang zu pflegen, die Meinung des anderen zu akzeptieren sowie sie vor allem zu diskutieren. Statt gegeneinander zu agitieren, sollten sie zusammen an praktikablen, gemeinsamen Lösungen zur Pandemie-Bewältigung arbeiten. Der Versuch, zu überzeugen, ist zielführender als die Absicht, zu beschimpfen.

Damit ist eine der eingangs gestellten Fragen beantwortet – nämlich diese: Lockdown für alle oder Lockdown für Ungeimpfte?

Es kann einfach nur eine Lösung geben: Wenn ein Lockdown notwendig ist – und das ist eine medizinische Frage mit psychologischen, soziologischen und philosophischen Einsprengseln, die inhaltlich von der Wissenschaft und in Bezug auf die Umsetzung von der Politik zu beantworten ist – dann kann es nur einen Lockdown für alle geben. Es ist wie im Fußball: Wir gewinnen als Team und wir verlieren als Team. Wir genießen die Vorzüge einer freien Gesellschaft, in der alle sich im Rahmen der Gesetze entfalten können, gemeinsam. Und ebenso tragen wir die Nachteile gemeinsam. Alles andere darf in einem Land wie Österreich keinen Platz haben.

Zweitens, eine andere Frage von zu Beginn dieses Textes: Soll man sich impfen lassen?

Das ist eine rein medizinische Frage und die Antwort ist ebenso offensichtlich wie eindeutig: Ja, man soll sich selbstverständlich impfen lassen. Man kann das sogar mathematisch lösen: Es gilt einfach nur, das Risiko einer Impfnebenwirkung auszurechnen, das es zweifellos gibt, und es gegen das Risiko abzuwägen, sich mit dem Corona-Virus anzustecken. Dieses Ansteckungsrisiko ist um ein exponentielles Vielfaches höher als das Risiko einer Nebenwirkung. Und das Risiko, an Corona nicht nur zu erkranken sondern schwer daran zu erkranken, ist immer noch um ein Vielvielvielvielvielfaches höher, als Opfer einer Nebenwirkung zu werden. Also. Sich nicht impfen zu lassen, ist schlicht und einfach eine schlechte Option mit gehörigem Potenzial zur Selbstbeschädigung. Ausnahme, natürlich: Wenn es besondere medizinische Gründe gibt. Und bei kleinen Kindern – unter anderem, weil dort bei einer Risikoabwägung das Ungleichgewicht nicht ganz so dramatisch zugunsten einer Impfung ausfällt. Übrigens: Kein einziges der Medikamente, von denen so gut wie alle von uns welche schlucken, ist frei von Nebenwirkungen – viele davon sogar ziemlich drastisch. Lesen Sie einmal einen beliebigen Beipackzettel.

Das bringt uns zur nächsten Frage – und das ist jene, bei der es derzeit zu den heftigsten und unverständlichsten Auseinandersetzungen kommt: Soll es eine Impfpflicht geben?

Fast alle, die mitreden und sich echauffieren, mischen die Frage nach der Impfpflicht mit der Frage, ob man sich impfen lassen soll. Jedoch: Das sind zwei unterschiedliche Themen, die nach unterschiedlichen Kriterien völlig unterschiedlich diskutiert gehören. Auf keinen Fall dürfen sie in einen Topf geworfen werden. „Impfen lassen oder nicht“ ist wie schon angeführt ein medizinisches Thema. „Impfpflicht oder nicht“ ist eine demokratiepolitische Frage. Das hat eigentlich miteinander gar nichts zu tun. Mit scheinen beide Antworten klar:

Ja, man soll sich impfen lassen. Und nein, es darf in einer Demokratie von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen einfach keine allgemeine Impfpflicht geben, weil der Staat dem Individuum nicht vorzuschreiben hat, was es mit seinem Körper zu tun hat und welche Risiken es dabei in Kauf und welche es nicht in Kauf zu nehmen hat.

Dafür gibt es viele Argumente. Der Schaden, den diese Entscheidungsfreiheit des Einzelnen für das Staatsganze in wenigen Fällen möglicherweise mit sich bringt, ist in Kauf zu nehmen – selbst wenn er ernsthaft und schwerwiegend sein sollte. (Wobei es trotz aller Ungemütlichkeit nicht wirklich schwerwiegend ist, wenn statt 30 Prozent nun alle 100 Prozent für drei oder vier Wochen noch einmal in einen Lockdown gehen). Die Frage ist wohl: Welches Gut wiegt schwerer, das der Selbstbestimmung jedes Einzelnen über seinen Körper im Rahmen der Gesetze oder die Bequemlichkeit einer ganzen Gesellschaft?

Bleibt noch die Frage, ob es eine Impfpflicht für bestimmte Berufe geben soll. Ich glaube: Ja, die soll es geben.

Wir haben das überall und in vielerlei Hinsicht. Für das Ausüben einer ganzen Reihe von Berufen gelten Voraussetzungen, die man zu erfüllen hat, damit man sich selbst und der Gesellschaft nicht übermäßigen Schaden zufügt. Man darf nicht mit dem Auto fahren, ohne eine Führerscheinprüfung abgelegt zu haben. Man darf nicht Pilot sein, ohne den Pilotenschein gemacht zu haben – und erst recht nicht, wenn man nicht über erstklassige Sehkraft verfügt. Man darf keine Patienten behandeln, wenn man nicht Arzt ist, keine Urteile ohne Richterausbildung und Jus-Studium fällen, man darf sogar nicht einmal sein Geld damit verdienen, eine Wand zu streichen oder einen Wasserhahn einzubauen, wenn man nicht zuvor eine entsprechende Prüfung abgelegt hat. Warum also nicht eine Impfpflicht zum Beispiel für Gesundheits- und Lehrberufe? Mit Zwang hat das wenig zu tun – denn allen Betroffenen bleibt die Entscheidungsfreiheit der Berufswahl. Niemand, der sich nicht impfen lassen will, muss Krankenpfleger oder Lehrer werden. Niemand, der den Führerschein nicht machen will, muss Taxifahrer werden. Niemand, der sich weigert, eine Brille zu tragen, muss Pilot werden. Allenfalls könnte der Staat impfunwilligen Lehrern oder Pflegern eine kostenlose Umschulung in einen Beruf nach Wahl anbieten – auf Kosten der Gesellschaft, weil ja: solidarisches Miteinander. Jedenfalls gilt: Die Verpflichtung zur Impfung ist den Betroffenen, wenn sie einen bestimmten Beruf ausüben wollen, eher zumutbar als die Gefahr der Ansteckung für ohnehin schon Kranke und Schüler. Weil es sich eben um keinen absoluten Zwang handelt, mit dem eigenen Körper etwas anzustellen, das man nicht anstellen will.

Und überhaupt: Ich weiß schon, das ist ein sehr langer Text geworden.

Quelle: Wirtschaftswoche (2016)

Aber einfache Antworten auf komplexe Fragen gibt es nicht. Und wenn, dann sind sie so gut wie immer trügerisch. Die mühsame detaillierte Auseinandersetzung mit herausfordernden Fragestellungen lohnt sich immer. Schauen Sie sich den nebenstehenden Cartoon aus einer Ausgabe der Wirtschaftswoche des Jahres 2016 an und machen Sie sich die Mühe, genauer darüber nachzudenken. Und erst danach überlegen Sie, ob Sie sich nicht doch impfen lassen wollen, falls Sie noch ungeimpft sein sollten. Und ob Sie als schon Geimpfter oder als schon Geimpfte weiterhin so militant gegen Impfverweigerer auftreten wollen. Und ob Sie als Impfverweigerer weiterhin auf Massenkundgebungen und Demos gehen wollen, Konzerte besuchen, andere Menschen möglicherweise anstecken. Oder ob das alles nicht auch viel fokussierter, gemeinsamer, respektvoller und vor allem Sinn machender gehen könnte, damit wir das Problem Pandemie gemeinsam vielleicht doch noch irgendwie in den Griff bekommen.

P.S. Was die indiskutabel agierenden Politiker betrifft – die werden wir auf die Schnelle nicht los. Wir werden noch eine Zeit lang mit ihnen und den Folgen ihrer Handlungen, ihrer Unterlassungen leben. Den Anstand des Zurücktretens infolge Überforderung hatte in der Pandemie, wenig überraschend, erst einer von ihnen. Aber, auch das ist ein Konsens, auf dessen Basis unser Zusammenlegen funktioniert: Alle paar Jahre gibt es Wahlen und dann entscheiden wir, von wem wir angeführt werden wollen. Wir können uns einfach merken, wer jetzt wie agiert, wer wen beleidigt, wer zur Spaltung aufruft und wer zur Vernunft – und uns beim nächsten Mal in der Wahlzelle dann dementsprechend verhalten.

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