Clocktown im Lockdown (II)

Tag 8, Montag 29. November

Es wird ernst, psychische Schäden als Folge des Eingesperrtseins scheinen nicht mehr ausgeschlossen. Ertappe mich dabei, wie ich auf Facebook Katzenvideos anschaue. Werde wohl bald Hilfe brauchen.

Kenne zwar eine Grazer Psychologin, aber die hat sich in die Reihen der Coronaleugner und Anhänger diverser Impfverschwörungstheorien verabschiedet, ist also nicht mehr ernst zu nehmen. Muss wohl selbst mit dem Problem fertig werden. Das wird schon funktionieren, wäre ja gelacht, bin schließlich erwachsen. Und siehe da: mentale Kraftanstrengung – habe mich einfach zusammen- und von den Katzenvideos losgerissen. Bin auf Hundevideos umgestiegen. Na bitte, geht doch.

Tag 9, Dienstag 30. November

Die große Lockdown-Fadesse beginnt, um sich zu greifen.

Nachdem ich eine Tasse Kaffee getrunken habe, verbringe ich den Vormittag mit der Recherche zu einer Story für das freizeit-Magazin des Kurier, genauer gesagt für die Ausgabe vom 18. Dezember. Natürlich kann ich Ihnen hier jetzt nicht verraten, worum es geht, Sie müssen sich gedulden und sich dann am Samstag vor dem Heiligen Abend das Heft kaufen. Nur soviel: Es wird in der Geschichten von blau irisierenden Transparenzen, von aus Silber herausgetriebenen Blättern, von Flechten und Moosen und von Orten die Rede sein, die über die ganze Welt verstreut liegen. Und es wird in der Story insgesamt ziemlich glitzern und blingblingen.

Trinke eine Tasse Kaffee.

Nachmittag. Durchstöbere meine Mailbox. Finde Interessantes – eine Presseinformation der wirklich großartigen Firma (eigentlich ist es streng genommen ein Verein) „Land schafft Leben“, mit deren beiden Chefs ich vor längerem für eine Meldung im Format zu tun hatte. Chefin M kenne ich außerdem seit gut 15 Jahren, weil wir damals gemeinsam in einer Art Garagenfirma an einem Golfmagazin werkelten, das infolge beeindruckender Erfolglosigkeit längst verschieden ist.

Aber wurscht jetzt, jedenfalls:

Die Presseinformation enthält Wissen, von dem zwar unklar ist, ob man es wirklich braucht, das sich aber irgendwie dennoch in geeigneten Momenten super hervorzaubern lässt. Sie können damit zum Beispiel, liebe Blogleser und Innen, auf all jenen Partys, die derzeit sowieso verboten sind, aus dem Nichts heraus glänzen und effizient sozial interagieren. Wenn Sie wissen, was ich meine. Quasi Schuss aus der Hüfte, Weisheit aus der Westentasche, Überraschung im Übermut, und so weiter. Die Frauen werden Ihnen zu Füßen liegen, falls Sie ein Mann sind. Und falls Sie eine Frau sind, werden die Männer Sie bewundern. Denn sowas muss man erst einmal parat haben, wenn´s darauf ankommt. Und zwar:

Zur Weihnachtszeit wird in Österreich soviel Senf gegessen wie zu keiner anderen Zeit im Jahr. Und rund die Hälfte davon ist Estragon.

Na!? Jetzt schauen Sie schön, was? Das hätten Sie nicht gedacht.

Doch im Ernst, Freunde und Innen: Schaut auf der Website von Land schafft Leben vorbei. Dort arbeiten coole Menschen, werden von den noch cooleren Chefs M und H geleitet, und alle tun sie etwas Gutes, etwas Gesundes: Sie verhelfen lokalen Qualitätsnahrungsmitteln zur Reputation, die diese verdienen. Denn nicht nur haben sie Gespür für gutes, bodenständiges Essen, sondern sie sind vor allem wirklich gut im Kommunizieren, dort, bei Land schafft Leben. Das freut einen wie mich besonders, weil: Beim Essen bin ich ja blöderweise mehr der undifferenzierte Hineinschaufler, was man an meiner vorne schon recht herausgebogenen Anatomie auch gut erkennen kann. Beim Kommunizieren jedoch, da weiß ich, was Sache ist, das habe ich gelernt, da kenne ich mich aus. Und da leide ich sehr angesichts der vielen, vielen, vielen Dilettanten in großen Unternehmen und Konzernen sowie in Agenturen, die immer dramatischer danebenhauen und glauben, mit ein bissl Marketing-Pipapo ist die Sache getan. Umso schöner ist es, wenn es einmal jemand anders und besser macht, nämlich offensichtlich wirklich richtig gut – eben so wie die bei Land schafft Leben.

Aber was soll ich sagen: Eh genau das und um nichts weniger hab ich von Chefin M erwartet.

Gehe jetzt dann in die Küche, eine Tasse – leider wenig nachhaltigen – Starbucks-Nespresso-Kaffee trinken, Lebensmittel- und Nachhaltigkeitssünder, der ich bin. Der Lockdown bringt halt das schlechteste in uns zum Vorschein.

Tag 10, Mittwoch 1. Dezember

Die Katzen- und Hundevideos endgültig aufgegeben, Gott sei Dank. Stattdessen ein Shakespeare-Sonett auswendig gelernt, nämlich die landein, landaus schwer unterschätzte Nummer drei. Und mich gleich ordentlich geschreckt, da heißt es nämlich in der zweiten Hälfte:

Deiner Mutter Spiegel bist du …

Na, Huch! Das will ich weder mir noch der Mama wünschen. Die ist jedoch eh schon lange tot, ihr kann also nichts mehr passieren. Mir schon.

Halte ein Mittagsschläfchen.

Wache auf und trinke eine Tasse Kaffee.

Finde unten im Postkasten einen Brief des Gesundheitsministers. An mich!

Mückstein teilt mir darin mit, dass ich mir sofort meine dritte Corona-Schutzimpfung holen soll. Und das eine Woche, nachdem ich mich zum dritten Mal impfen hab lassen. Nicht nur erweckt der Mann in seinem Job den Eindruck, ungeeignet dafür zu sein, er ist ganz offensichtlich auch von der langsamen Truppe.

Das Schreiben selbst ist genau so verfasst, wie man es nicht macht – Kraut und Rüben durcheinander, pseudo-joviale Sprache, Rechtschreibfehler, unhaltbare Versprechungen.

Zum Beispiel kündigt der Minister tatsächlich an, dass wir dem Ende der Pandemie näher gekommen sind. Das ist zwar theoretisch nicht wirklich falsch, war allerdings bereits nach Ablauf der allerersten Pandemie-Sekunde so. Kommunikationstechnisch betrachtet ist es ein Desaster: Schon wieder einer, der den Menschen de facto verspricht, dass eh alles in absehbarer Zeit besser wird, während die täglichen Infektionszahlen nach wie vor am fünfstelligen Bereich kratzen. Diesen Schmäh hat bereits der zurückgetretene Bundeskanzler strapaziert und wir haben gelernt: eben ein Schmäh. Eine glatte Lüge. In Wahrheit war die Pandemie nämlich damals, vor einem halben Jahr, nicht vorbei. Sondern sie wurde immer schlimmer.

Am Ende seiner konfusen zwei Seiten Brief bittet der Minister mich dann noch, über die Impfung zu reden und anderen meine Pandemie- und Impferfahrungen zu erzählen. Mache ich hier eh schon die ganze Zeit – Beschäftigung während der Lockdown-Tage, die der Gesundheitsminister durch sein wenig kompetentes Handeln während der vergangenen Wochen und Monate mitverschuldet hat.

Der ministerielle Brief jedenfalls, eine Lachnummer. Altpapier.

Und ich? Trinke eine Tasse Kaffee.

Tag 11, Donnerstag 2. Dezember

Wieder alles anders in der Politik. Aber keine große Überraschung, eigentlich. Der Eindruck wird ohnehin immer stärker, dass die Menschen insgesamt beginnen, die Nerven wegzuschmeißen. Merke das auch beim Arbeiten.

Und im Alltag genauso: Gestern erst befuhr ich eine Kreuzung, da hatte irgendein Typ, abgefucktes Aussehen, Strickmütze auf dem Kopf, seinen Minivan mitten auf der Straße abgestellt, war ausgestiegen, stand unter der Ampel und versuchte, den Verkehr durch diffiziles Herumwedeln mit der Hand umzuleiten, das keiner deuten konnte. Die Autos umfuhren ihn klein- und großräumig, Notiz von ihm nahm niemand und er hatte ganz irre Augen. Jene wenigen meiner Bekannten, die Verschwörungstheorien nachhängen und glauben, die Corona-Impfung sei das ganz große, ganz wilde, ganz bedrohliche Böse, würden wohl sagen:

Na bitte, da haben wir´s ja. Nebenwirkung!

Draußen echtes Lockdown-Wetter: Wolken, Regen, Feuchtigkeit, Kälte, Nässe. Die Welt dunkelgrau. Was für eine Zeit, alles scheint zu Bruch zu gehen.

Trinke einfach einmal eine Tasse Kaffee.

Und lese ein bissl Shakespeare:

I´ll break my staff, bury it, certain fathoms in the earth, and deeper than did ever plummet sound, I´ll drown my book.

Tag 12, Freitag 3. Dezember

Auch wenn sie alle zusammen das Management der Krise gehörig verbockt haben – unfreiwillig sorgt die türkise Truppe in der Regierung nun doch noch für einen Lichtblick mitten im Corona-Desaster: Sie tritt ab.

Selbstverständlich könnte man vor Wut auf den Boden stampfen, dass diese Gang das ganze Land und seine Bürger vier Jahre lang skrupellos vorführen durfte und sich nun sang- und klanglos von einer Sekunde auf die andere davonstehlen kann – ohne für das Chaos zur Verantwortung gezogen zu werden, das sie angerichtet hat. Aber immerhin, dass man sich vertschüsst ist ein Fetzen Licht mitten im finsteren Tunnel des Lockdowns.

Und das mit der Verantwortung regeln ja womöglich in den kommenden Jahren ohnehin noch die Gerichte. Ich wage es, bei aller Unschuldsvermutung, die natürlich gilt, diesbezüglich zuversichtlich zu sein.

Trinke eine Tasse Kaffee.

Und wende mich mit frischem Mut dem Endspurt der glitzernden Weihnachtsblingbling-Geschichte im freizeit-Kurier vom 18. Dezember zu.

Tag 13, Samstag 4. Dezember

Mir ist langweilig, also trinke ich eine Tasse Kaffee.

Nur so zum Spaß lasse ich nach dem Frühstück die Lockdowns seit Ausbruch der Pandemie gegen die Bundeskanzler seit Ausbruch der Pandemie antreten: Wovon gibt es mehr? Vorderhand gewinnen die Lockdowns, aber es ist ein knappes Rennen. Und es ist ja noch nicht vorbei, wer weiß, was kommt. Der letzte Bundeskanzler, der originelle Herr Schallenberg, war 56 Tage im Amt, lese ich in der Kleinen Zeitung. Und der neue, noch gar nicht angelobte, erweckt nicht so recht den Eindruck, als eigne er sich zur mittel- oder gar langfristigen Lösung. Der Mann kommt mir irgendwie mehr wie ein Typ Marke „Feldwebel ohne Feld im falschen Film“ vor als wie ein Bundeskanzler. Außerdem haben wir ja noch ein hehres Ziel vor Augen: die Schweden schlagen! Unser Bundeskanzlerrücktrittsbestwert liegt bei eben jenen schallenbergschen 56 Tagen, in Schweden haben sie ihre eigene Topmarke jüngst auf fünf Stunden heruntergeschraubt. Dort handelt es sich streng genommen zwar um einen Ministerpräsidentinnenrücktrittsbestwert, aber es wäre doch gelacht, wenn wir nicht …

Den richtigen Mann dafür könnten wir, glaube ich jedenfalls, schon gefunden haben.

Arbeite ein bissl was vor mich hin, mehr zum Zeitvertreib als zum Broterwerb. Ich sollte nämlich eh weniger Brot essen, weil wegen dem Bäuchlein warat´s. Das hat sich im Zuge der vier Lockdowns mit ihren drei Bundeskanzlern durchaus zum ordentlichen Bauch erweitert, stattlich geradezu. Will gar nicht darüber nachdenken, bei wieviel Kilos mein Baucherweiterungsbestwert derzeit liegt. Da gewinnen die Lockdowns bei weitem nicht mehr, sondern landen eher abgeschlagen unter ferner liefen.

Trinke eine Tasse Kaffee. Ohne Zucker.

Tag 14, Sonntag 5. Dezember

Schnee, Matsch, Gatsch, Nässe, Kälte, graue Farbe überall. Der Winter in der Stadt ist ein Virus, das ausgerottet gehört. Leider gibt es keine Impfung. Gott sei Dank ist Lockdown, da muss man wenigstens nicht raus in dieses Desaster.

Lese also zu Hause im Warmen Zeitung. Doch zur Hoffnung gibt das alles, was da drin steht, eher keinen Anlass.

Banal, aber bezeichnend: In Leipzig haben sie den Fußballtrainer rausgeschmissen, während seiner immer noch andauernden Corona-Erkankung. Weil die letzten Spiele nicht gewonnen wurden – bei denen er gar nicht auf der Trainerbank saß, weil ja: krank. So geht Charakterlosigkeit.

Information, aber indiskutabel: In der Obersteiermark hat ein Verblendeter Fake News über den – natürlichen – Tod eines Polizisten verbreitet. Außerdem über zahlreiche Impftote und abgebrochene Schwangerschaften, weil ein Hausarzt angeblich in seiner Praxis geimpft habe. Alles frei erfunden. Der Mann wurde angezeigt, aber ich wette: Es gibt genug Verrückte, die das trotzdem glauben und die Nachricht von den Fake News für Fake News halten, weil sich ja die ganze Welt unter der Führung von Bill Gates gegen die ganze Welt verschworen hat, oder so irgendwie halt, genau weiß man es ja nicht, weil ja die Bilderberger das alles unter der Tuchent halten. Oder George Soros. Oder der Mann im Mond, aus Rache, weil er aus seiner Position nur die Vorderseite der Erdscheibe sehen kann.

Erlaubt, aber entrückt: Vor der Talstation der Planaibahn drängen sich Hunderte, wenn nicht Tausende Schifahrer eng an eng, viele maskenlos, um eines Liftkarte zu kaufen und auf den Berg hinauf zu gondeln. Man kann´s auf einem Foto gut erkennen, Polizei oder sonstwie Eingreifende sieht man darauf nicht. Den Menschen ist es verboten, sich in größerer Zahl zu Hause zu treffen – aber auf die Schipisten und vor die Ticketschalter der Talstationen dürfen sie in Massen. Alles nur, weil die – in jedem Bundesland – der ÖVP nahe stehende Seilbahnwirtschaft ihre Muskeln spielen hat lassen. Oder sagen wir halt: lobbyiert hat.

Real, aber surreal: Eine gar nicht einmal so unbekannte Journalistin, kurz sogar eine Verlagskollegin, als ich noch so gut wie hauptberuflich für ein Magazin des News-Verlages schrieb, hat ihren Job an den Nagel gehängt und wurde Priesterin. Frage mich: Wie neutral und seriös kann eine über die Welt berichtet haben, wenn sie nun ernsthaft das Wort eines Typen – meinetwegen auch einer Typin, wir wollen da schon korrektes Gendern anwenden – verkündet, den oder die noch niemand je gesehen hat, den oder die es aller wissenschaftlichen Erkenntnisse nach gar nicht gibt, und der oder die hauptsächlich von haltlosen Drohungen lebt, deren zu Grunde liegenden Vorschriften er oder sie den pittoresken Namen „Die zehn Gebote“ gegeben hat. Ein wirklich unterhaltsames und – zugegeben – gut erzähltes Geschichterl, dieses Gott-Dingsbums, aber eben nicht mehr als ein Geschichterl. Fake News sozusagen.

Möglicherweise ist es ja gar nicht so schlecht, wenn uns ein Virus oder ein Meteor oder sonst eine Naturgewalt (Gottes Faust wohl eher kaum, denn wie gesagt, der oder die existiert schlicht und einfach nicht) demnächst einmal ausrottet. Dem Universum insgesamt kann das nur gut tun. Dann kann auch der Winter die – entleerten – Städte auf der Erde wieder mit seinem kalten Klirren übernehmen.

Gehe jetzt erst einmal eine Tasse Kaffee trinken.

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