Clocktown im Lockdown (III)

Tag 15, Montag 6. November

Ein Kunststück.

In einer Nachrichtensendung auf fünf oder sechs völlig verschiedene Fragen immer die exakt gleiche Antwort zu geben, die jedoch keine dieser Fragen beantwortet, das ist die hohe Kunst der miserablen Pressearbeit. So zelebriert man als Politiker ohne Not seinen TV-Auftritt von der eigentlich angebrachten Seriosität hinüber in die totale Lächerlichkeit.

Das hat in Österreich in dieser Form noch niemand geschafft, nicht einmal der ungewöhnliche, alte Herr Stronach mit seinen verhaltensauffälligen Auftritten im Wahlkampf des Jahres 2013. Auch nicht der originelle und inzwischen dankenswerterweise doch aus dem Amt verschwundene Tiroler Gesundheitslandesrat, nachdem denen in Ischgl das Virus voriges Jahr ein bissl entglitten war. Oder der unterhaltsame Tiroler FPÖ-Sprecher mit seinem Englisch, das nicht nur kein Englisch, sondern eigentlich gar nichts war. Nicht einmal unser aller Liebling, Richard Lugner, bringt solche Interviews zustande, und der ist immerhin der Großmeister ungewöhnlicher Fernsehpräsenzen.

Das kann wirklich nur unser Gesundheitsminister. Das Interview, das er Armin Wolf in dessen ZiB 2 heute gegeben hat, wird sicher in die heimische TV-Geschichte eingehen. Und als Lehrstück für alle künftigen PR-Trainingsworkshops herhalten, wie man sich in TV-Interviews nicht geben soll, will man nicht in der Öffentlichkeit deutlich schlechter rüberkommen, als man womöglich ist. Wer bereitet den Mann bloß auf TV-Auftritte vor? Was ist sein Pressesprecher von Beruf?

Tag 16, Dienstag 7. November

Null, absolut null.

Tote Hose. Die Arbeit des Jahres erledigt. Bekanntenbesuche sind verboten, Geschäfte und Cafés geschlossen. Also nichts zu tun, weil mir Wohnung aufräumen nicht liegt.

Spiele am iPad stundenlang das Fifa-Fußballspiel von EA. Bin schon richtig gut. Meine Mannschaft heißt „Hhhhhhhhhhhhhhb“ (ein Tippfehler beim Anlegen meiner Identity, der sich nicht mehr rückgängig machen lässt, kann passieren, ist aber eh egal) und ich schlage zum Beispiel Manchester United in der schwierigsten Spielstufe locker mit vier oder fünf zu null. Meine Geheimwaffe ist Takumi Minamino, der bei mir am rechten Flügel eingesetzt ist. Er flankt wie ein Gott und ist auch selbst torgefährlich Ende nie. Ich hab´s scheinbar besser drauf als Jürgen Klopp, der Minamino bei Liverpool fast nur auf der Bank sitzen lässt. Sein Pendant auf der linken Außenbahn ist Leroy Sané von Bayern München, mindestens genauso gut, aber anders als Klopp hat Trainer Nagelsmann bei den Bayern das ohnehin auch in der Realität erkannt. Joshua Kimmich hingegen, bei Bayern München gesetzt (wenn er nicht grad an Corona erkrankt ist, weil er sich nicht impfen lassen will), habe ich verkauft, zu instabil im Aufbauspiel. Mein nächstes Transferziel heißt Diogo Jota von Liverpool, weil: Ich hätte einerseits gerne einen Portugiesen in der Mannschaft und andererseits ist der Mann richtig, richtig gut.

Doch das hebe ich mir für Lockdown Nummer 5 auf, der sicher kommt, wenn unsere Regierung so weitermacht wie bisher und die Pandemiebekämpfung weiterhin de facto an die Landeshauptleute und die Wirtschaftskammer delegiert, während der Gesundheitsminister Fernsehinterviews gibt, als befänden wir uns im Fasching, was wir aber nicht tun, weil der ja auch mehr oder weniger verboten ist.

Tag 17, Mittwoch 8. Dezember

Habe auf Fifa Football einen neuen Spieler erhalten, Gabriel Jesus von Manchester City. Weiß zuerst gar nicht, was ich mit dem anfangen soll, denn auf seiner Position am rechten Flügel leistet wie schon beschrieben Minamino erstklassige Arbeit. Transferiere den Japaner dann aber schließlich doch dorthin, wo er eigentlich eh hingehört, ins zentrale offensive Mittelfeld. Habe jetzt eine mörder Offensive: linker Flügel Leroy Sané von Bayern München, Mittelstürmer ist Alexander Sörloth von Real Sociedad, am rechten Flügel wetzt wie gesagt Gabriel Jesus von ManCity vor und zurück. Und von hinten schiebt Minamino von Liverpool nach.

Trete zum Test gegen Real Madrid an, gewinne 6 zu 2. Bin zuversichtlich für die kommenden Herausforderungen.

Tag 18, Donnerstag 9. Dezember

Merke, dass ich ein bissl überspielt bin, und lege das iPad mit Fifa Football zur Seite.

Kümmere mich wieder um die wirklich wichtigen Dinge und lese den halben Tag lang Zeitung. Kenne mich jetzt mit allen Corona-Fragen richtig gut aus. Wie die Impfungen wirken, welchen absurden Theorien die noch viel absurderen FPÖ-Politiker anhängen, welches Land in Sachen Pandemie wie gut oder schlecht dasteht – und natürlich: wann, wo und wie in Österreich geöffnet wird.

Letzteres kann ich Ihnen hier leider nicht zusammenfassend erklären, weil: zu kompliziert.

Es wird nämlich in jedem Bundesland anders geöffnet. Das kommt davon, wenn man, wie der neue Bundeskanzler das tut, die Verantwortung für den Staat bei den Landeshauptleuten abgibt, die nur ihre föderalen Partikularinteressen im Sinn haben. Natürlich, der Mann wäre nie Bundeskanzler von Gnaden der ÖVP-Granden in den Ländern geworden, hätte er ihnen nicht zugesagt, für sie die Marionette am Ballhausplatz zu spielen. Selbstverständlich reden auch die ÖVP-Bünde mit – das wird wohl der Grund sein, nehme ich an, warum der Handel so schnell wieder überall öffnen darf.

Obwohl wir Infektionszahlen, Fallzahlen und Klinikbelegungszahlen haben, die höher liegen als im vergangenen März, als die Regierung in Panik den dritten Lockdown beschloss. Und natürlich viel höher als am Höhepunkt der ersten Corona-Welle, als zum ersten Mal alles zugesperrt wurde. Und eine viel flächendeckendere gefährliche Virusvariante als damals haben wir auch. Aber wir sperren alles auf.

Natürlich: Ich bin ja nur ein steirischer Tölpel, also will da nicht übergescheit mitreden.

Jedoch neige ich durchaus dazu, den Virologen und Medizinern eher als den Landeshauptleuten Glauben zu schenken, wenn sie sagen, eine oder zwei Wochen mehr Lockdown hätten niemandem in der Bevölkerung großen Schaden zugefügt, dem Virus allerdings schon. Ein Arzt, der sagt: Bitte den Lockdown noch ein wenig verlängern!, scheint mir von der Sachkompetenz her gewichtiger, als – nur zum Beispiel – der Chef der steirischen Wirtschaftskammer, der jüngst forderte:

Aufgesperrt werden muss!

Weshalb ich dem weniger Glauben schenken will?

Nun ja, der steirische Wirtschaftskammerchef ist gelernter Automechaniker und verfügt über einen Ingenieur-Titel einer HTL – also nicht etwa Diplomingenieur mit Universitätsabschluss, sondern nur Ingenieur, wohlgemerkt. Warum der glaubt, sich in Sachen Pandemiebekämpfung besser auszukennen als Menschen, die ein Medizinstudium absolviert haben, ist mir schleierhaft.

Das gilt natürlich auch für die meisten Landeshauptleute, Arzt ist ja keiner von denen:

Der steirische Landeschef zum Beispiel ist gelernter Bürokaufmann und blickt auf eine neunjährige Pflichtschulausbildung zurück. Mehr ist da nicht. Ob das wirklich reicht, studierten Medizinern und Ökonomen, die an die zwei Jahrzehnte Ausbildung hinter sich haben, Ratschläge in deren Fachbereichen geben zu können?

Der burgenländische Landeshauptmann verfügt zwar, ebenso wie der Salzburger Landeschef, über ein abgeschlossenes Studium, beide sind Juristen. Der eine hat seine nicht politische berufliche Erfahrung als Polizist gesammelt, der andere als Rechtsanwalt. Ich möchte gerne sehen, wie die beiden dreinschauen würden, käme ein Virologe und würde ihnen erklären, wie der eine eine diffizile Verhaftung vorzunehmen oder der andere ein kompliziertes Gerichtsverfahren zu führen hat. Immerhin, die niederösterreichische Landeshauptfrau hat ein Studium der Wirtschaftspädagogik absolviert. Aber ob sie sich in ihren Jobs danach als Lehrerin an einer HTL und als Marketingfrau in einem Verlag wirklich intensiv genug mit den makroökonomischen und medizinischen Aspekten einer weltweiten Pandemie beschäftigt hat, ich weiß es nicht. Mir, der ich damals in besagtem Verlag als Redakteur eines Wirtschaftsmagazins Arbeitskollege von ihr war, ist sie hauptsächlich durch einen wirklich guten Schmäh aufgefallen.

Beide waren wir übrigens – um eine Ecke gedacht – Arbeitskollegen des heutigen Vorarlberger Landeshauptmannes Markus Wallner, der Politikwissenschaft und Geschichte studiert hat, also auch kein Arzt, Virologe oder Makroökonom ist. Vorarlberg, jenes Bundesland mit der derzeit höchsten 7-Tages-Inzidenz, sperrt als erstes Bundesland überhaupt gleich alles wieder auf. Aus sozialer Sicht kommt mir das schlüssig vor, weil ich mich noch gut erinnern kann, wie super es immer war, mit Markus nach der Arbeit ein Bier trinken zu gehen. Aus medizinischer Sicht jedoch, nun ja: Ich weiß nicht.

Jedenfalls wie gesagt: Ich fühle mich in Sachen Pandemiebekämpfung bei einem Virologen oder Arzt in Verbund mit einem Ökonomen besser aufgehoben als bei der Expertise eines Landeshauptmannes oder Wirtschaftskämmerers.

Tag 19, Freitag 10. Dezember

Christbaumsuche.

Nicht für mein Wohnzimmer. Dort brauche ich sowas nicht mehr, seit das kleine Nachbarskind aus der Weihnachtsgeschichte „Meet the Christkind“ im Blogpost von vor einigen Jahren zur erwachsenen jungen Dame wurde und natürlich keinen Wert mehr darauf legt. Für sie sind jetzt, gut so, andere Dinge wichtig. Allerdings hat sich die Kurier-Redaktion mit dem Wunsch gemeldet, ich möge für meine Glitzer- und Blingbling-Geschichte, deren Erscheinen vom 18. auf den 24.Dezember transferiert wurde, damit sie das Cover der freizeit-Weihnachtsausgabe schmücken kann, ein Selfie vor dem Hintergrund eines Weihnachtsbaums schicken.

Für mich eine kleine Herausforderung. Denn einerseits mag ich Bilder von mir überhaupt nicht, weil meine Optik leider nur fast so gut ausgefallen ist. Ich will meine Eltern da nicht aus der Verantwortung entlassen, das hätten sie sicher optimaler hinkriegen können. Sehe ich mir Fotos von mir selbst an, kann ich nicht umhin, mir jeweils unwillkürlich zu denken:

Also, DAS hätte wirklich besser laufen können.

Und andererseits, wie oben schon angeführt: Ich lebe als Weihnachtsbaumloser. Außerdem ist Lockdown, die Hotels und Einkaufstempel haben alle zu, daher: Woher zwei Wochen vor dem Heiligen Abend einen geschmückten Baum nehmen, der meine Visage als Hintergrund überstrahlen könnte? Werde recherchieren müssen. Hab ich wenigstens eine Beschäftigung an diesem vorletzten Lockdowntag.

Und freue mich selbstverständlich auch ein bissl, denn auf das Cover der Weihnachtsausgabe eines Magazins hat eine Story von mir es noch nie geschafft. Kaufen Sie sich, liebe Blogleser und Innen, am 24. Dezember unbedingt den Kurier, und freuen Sie sich mit mir. Das war jetzt ein Weihnachtsreim, der war doch fein! Oder?

Fürchte, mir setzt der Lockdown langsam doch ernsthaft zu. Wenn ich zu reimen beginne, ist das nie ein gutes Zeichen.

Tag 20, Samstag 11. November

Höre im Mittagsjournal ein längeres Interview mit der ÖVP-Landwirtschaftsministerin, die – in dieser Kombination seltsam und sinnlos genug – gleich auch noch für Tourismus zuständig ist. Nichts Neues, das übliche sinnentleerte Polit-Blahblah halt. Zahlt sich eigentlich gar nicht aus, da noch hinzuhören.

Frage mich nach dem Interview allerdings doch, was mit unserer Demokratie nicht stimmt, dass es so jemand schaffen kann, sich bis in ein Ministeramt hochzustemmen, für das er (in diesem Fall sie) ganz offensichtlich völlig ungeeignet ist. Nehme mir neuerlich ganz fest vor, mir all das, was jetzt passiert und welchen Parteien es zuzuordnen ist, bis zur nächsten Nationalratswahl zu merken und dann bei keiner dieser Parteien mein Kreuzerl zu machen.

Fußballer Gabriel Jesus hält bisher auf Fifa Football nicht, was er verspricht. Nehme neuerlich eine Umstellung in meiner Mannschaft vor und stelle wieder Minamino hinaus auf den rechten Flügel. Schaunmaamal.

Heute letzter Lockdown-Tag also.

Zu früh für meinen Geschmack. Ich bin zwar gegen Lockdowns, weil es in einer Demokratie indiskutabel ist, ganze Gesellschaften einzusperren. Aber wenn ein Lockdown schon einmal wirklich nötig ist, dann bin ich für einen möglichst harten, möglichst kompromisslosen und vor allem ausreichend langen Lockdown, damit er auch nachhaltig wirkt und wir nicht in wenigen Wochen den nächsten übergestülpt bekommen. Diesen Lockdown müsste es daher noch mindestens eine, eher zwei weitere Wochen geben, wenn es ihn nun in Gottes Namen halt schon einmal gibt. Ein bissl zu- und dann gleich wieder aufsperren, das ist wirklich Blödsinn. Es ist schwer, nicht zur Ansicht zu gelangen, unsere überforderten Politiker … Aber ach, lassen wir das. Wir können uns ja bei der nächsten Nationalratswahl zur Wehr setzen.

Vorderhand einmal endet der Lockdown also heute um Mitternacht. Zumindest für mich, weil ich ja längst dreimal geimpft bin. Sollten Sie ungeimpft sein, also weiter eingesperrt leben müssen, tut mir das aufrichtig leid. Aber Sie könnten da ja eh leicht raus, lassen Sie sich einfach impfen. Das wäre auch sonst und insgesamt ziemlich vernünftig, ehrlich gesagt.

Wie auch immer, ist eh Ihre Entscheidung.

Hiermit also Ende von „Clocktown im Lockdown“. Aber ich bin ziemlich sicher, wir lesen uns wieder. Vermutlich kommendes Jahr im Februar oder im März, oder so. In Lockdown Nummer 5 wegen Corona-Welle Nummer 5 dann …

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